Das Kunstthema dieser Jahre

Für die späten Bilder von Emil Schumacher sind vor einem Jahr noch 120 000 Mark bezahlt worden. Ein mittleres Format kostete jetzt auf dem Basler Stand der Frankfurter Galerie Herbert Meyer-Ellinger 180 000. Noch knapp vor der "Art", innerhalb von vierzehn Tagen, habe der Schumacher-Grossist Hans Strelow aus Düsseldorf die Preise dreimal erhöht. Auf jeder neuen Messe, rechnet Felix Buchmann aus Basel vor, müsse er seine Preise erst einmal um hundert Prozent nach oben korrigieren. Ein Bild von Gerhard Richter zum Beispiel sollte in seiner Galerie 180 000 kosten. Ein Kollege aus Amerika habe unterdessen ein ähnliches Richter-Bild aus der gleichen Zeit und im gleichen Format für 300 000 Dollar angeboten.

Der Kunstmarkt scheint zum eigentlichen, zum beherrschenden Kunstthema der späten achtziger Jahre geworden zu sein. Spektakuläre Auktionsergebnisse haben längst das Faszinationsniveau von Sportrekorden erreicht. Als kürzlich Pontormos Renaissance-Porträt des etwas debil dreinschauenden Medici-Jünglings für 35,2 Millionen Dollar bei Christie’s in New York versteigert wurde, vermeldete die Herald Tribune den Besitzerwechsel auf der Frontseite mit Bild. Und die Frankfurter Allgemeine Zeitung plaziert seit einiger Zeit eine wöchentliche "Kunstmarkt"-Seite an die Spitze eines wachsenden Inseratenfeldes. Als sei er bei einer Bilanzveranstaltung des Baustoffhandels gewesen, hat der FAZ-Berichterstatter seine Eindrücke von den jüngsten New Yorker Altmeister-Auktionen zusammengefaßt: "Trotz des erhofften Pontormo-Effektes bleibt die alte Marktweisheit, daß sich durchschnittliches oder gar unterdurchschnittliches Material nur schwierig verkauft."

Der Minister als Kunsthändler

Und selbst Ernst Beyeler aus Basel, ein Schöngeist seiner Zunft, für den die Kunstgeschichte nach Claude Monet, Picasso, Max Ernst und Paul Klee getrost hätte enden dürfen, bekennt heute, daß es immer schwieriger werde, "geeignetes Material aufzutreiben". Seinen Prachtstand auf der "Art", wie immer ein Museum des 20. Jahrhunderts, hat er von Markus Lüpertz’ monumentaler Bronze "Standbein-Spielbein" bewachen lassen. Einem 550 000 Schweizer Franken teuren Torso, der mit strammen Waden, urtümlichem Fettsteiß und zerklüfteten Lenden dort ein sinnfälliges Symbol abgab für die unerschütterliche Solidität eines Marktes, auf den immer mehr Großkonzerne ihr wachsames Auge richten. Das Motto des Zigarettenherstellers Philip Morris: "It takes art to make a Company great" hat sich so geschwind herumgesprochen, daß die gut geführte Manager-Agenda mittlerweile auch den Besuch des firmengesponserten Kunstanlasses zu den Pflichtterminen zählt.

Umgekehrt lassen sich die umsatzstarken Kunsthäuser nicht mehr nur von Angehörigen des internationalen Restadels repräsentieren, sondern heuern mehr und mehr gestandene Führungskräfte an. So ist zum Chairman von Christie’s in London der ehemalige britische Verteidigungsminister und Generalsekretär der Nato, Lord Peter Carrington, avanciert. Der wollte sich in einem Gespräch mit der Tageszeitung Die Welt zwar nicht zur Preisgabe seiner intimen Kunstkenntnisse versteigen, aber so viel dann doch aus dem Schatz seiner Erfahrungen verraten: "Religiöse Bilder sprechen zum Beispiel die Japaner nicht sehr an, was verständlich ist, während ihnen die Sonnenblumen von van Gogh gefallen."

Wer wollte da noch zögern, seiner Lordschaft heftig beizupflichten? Geradeso wie ihrer kühnen Skizze, derzufolge man die eminenten Umsatzsteigerungen im wesentlichen den Impressionisten zu danken habe und zur Zeit keine Anzeichen eines Rückgangs zu erkennen seien. Wahrhaftig, wenn man den Kunsthändler Jan Krugier aus Genf sein Messe-Angebot rühmen hört, in dem kaum noch etwas unter einer Million zu haben ist, von Brancusis "Poisson" von 1926 bis zu Picassos großem "tête de femme" von 1941, dann mag man nicht an Rückgang denken. Es gibt freilich auch Galeristen, denen ein Preissteigerungsindex von dreißig Prozent im Jahr allmählich unheimlich vorkommt; die beginnen sich zu wahren gegen die immer hektischere Umschlagsgeschwindigkeit der von der "Ware" zum "Material" herunterfunktionalisierten Kunst. Demonstrativ hat Rosemarie Schwarzwälder aus Wien in ihrem asketisch eingerichteten "Art"-Stand vor ein strenges Imi-Knoebel-Wandstück eine (unverkäufliche) thailändische Buddha-Figur gestellt. Sie soll auf den verlorenen kulturellen Zusammenhang verweisen, für den der Kunstmarkt mit seinen rasant vorgeschobenen Frontlinien keinen Blick mehr hat. Und ihr Kollege van de Loo aus München war nur mit vier Bildern von Asger Jörn nach Basel angereist. Es ist seine letzte Messe gewesen. Der Verschleiß sei nicht mehr zu verantworten, den der heißlaufende Kunstbetrieb der Kunst zumute.