Montag, 5. Juni, morgens

Wir haben in den beiden ersten Stunden Chinesisch. Lehrer Y. betritt fünf nach acht die Klasse; er ist das erste Mal unpünktlich. Y. wirkt verkrampft, schließlich bricht er in Tränen aus, steht weinend am Pult. Im Klassenraum ist es totenstill. Er fährt mit der Hand durch Gesicht und Haare und klappt das Textbuch auf.

In der Pause beschließen wir, unser Verständnis und Mitempfinden zu zeigen. Wir bitten Y., den Unterricht abzubrechen. Er lehnt ab und meint: „Ihr seid alle so fleißig gewesen, bald sind die Tests, es ist meine Pflicht, euch sorgfältig auf die Abschlußprüfungen vorzubereiten.“

Doch dann bricht es aus ihm heraus: „Diese Regierung ist unmenschlich, sie hat ein Blutbad angerichtet und wehrlose Menschen erschlagen und erschossen. Sie ist mit einer Grausamkeit und Brutalität vorgegangen, die in der Geschichte der Volksrepublik China einmalig ist. Aber wir haben keine Chance. Die Regierung macht mit uns einfachen Leuten, was sie will. Unser Fehler war, Kritik zu üben. Die Soldaten haben Kinder, Frauen und Alte erschossen. Einen neunjährigen Jungen haben sie einfach abgeknallt. In den Nachrichten sprechen sie von einem großartigen Sieg. Ich frage mich, was ist für sie ein noch großartigerer Sieg!“

Noch nie habe ich Y. so aufgebracht, so wütend, so aggressiv gesehen. Er ist zornig, aber auch deprimiert. Er fährt fort: „Wir können nicht auf die Regierung einwirken. Friedlicher Protest hat zu nichts geführt, und Waffen besitzt das Volk nicht.“ Mit noch lauterer Stimme erklärt er: „Wenn die Soldaten meine Worte hören, werden sie mich festnehmen und gleich hinrichten. Sie werden mich niederschießen wie ein Stück Schlachtvieh.“

Unkonzentriert und bewegt sprechen die Studenten den Lektionstext nach. Zu diesem Zeitpunkt ist mir noch nicht bewußt, daß dies meine letzte Unterrichtsstunde bei Lehrer Y. ist.

In der dritten und vierten Stunde folgt Konversation. Lehrer L. ist blaß. Ohne uns zu begrüßen, schreibt er an die Tafel: „Ausrottung der Menschlichkeit“, „Verachtung der Menschenrechte“, „Massaker, Blutbad“. L. zündet sich eine Zigarette an: „So ein Massaker hat es in Peking noch nie gegeben. Nicht einmal die Japaner haben so gewütet. Wir Lehrer sind verzweifelt und entsetzt. Diese Regierung ist eine Bestie.“