Von Henning Köhler

Georges Clemenceau (1841-1929) war der bedeutendste Staatsmann der Dritten, der langlebigsten französischen Republik, die es immerhin auf siebzig Jahre gebracht hat. Zweifellos war er aber auch der am meisten umstrittene und gehaßte Politiker in seiner Zeit. Sein Bild in Deutschland erscheint eindeutig negativ geprägt: Der Deutschenhasser, geradezu die Personifikation des Versailles-Traumas, der den Deutschen das „Diktat“ als Besiegelung der „Revanche“ erbarmungslos aufzwang. Selbst dem „Simplizissimus“ pflegte jeder Witz abhanden zu kommen, wenn er den „Tiger“ karikierte.

Bei dieser Fixierung kommt jedoch der Politiker und der Mensch Clemenceau, der in seinem langen Leben viel bewegte, ganz entschieden zu kurz. Und gerade dieses Leben verdient wegen seiner Einzigartigkeit auch das Interesse derer, denen er seit 1871 nur tiefe Abneigung entgegenbrachte. Bei ihm haben wir es mit dem Ausnahmefall des intellektuellen Politikers zu tun, der seine Karriere als Radikaler begann, für mehr als ein Jahrzehnt unbestritten als Chef der Linken galt – Karl Marx, den er persönlich kannte, hoffte, ihn zum Sozialisten zu bekehren, einer seiner kleineren Irrtümer –, der von Anfang an als Oppositioneller auftrat und das sichere Gespür entwickelte, die schwachen Punkte der Regierungspolitik offenzulegen und in beißender Kritik zu bekämpfen – doch ausgerechnet dieser sarkastische Widerspruchsgeist war in der Lage, auch Regierungsverantwortung zu übernehmen und die Macht resolut auszuüben, selbst wenn es gegen frühere Freunde ging. Es handelt sich um einen Mann, der voller Widersprüche steckte, aber sich dennoch treu blieb: ein Kämpfer.

Nicht zuletzt wegen dieses breiten und zugleich kontroversen Zuschnitts der Persönlichkeit haben sich viele an der Darstellung dieses Lebens versucht, aber es fehlte bisher in Frankreich eine wissenschaftliche Biographie. Die beste Arbeit über den Politiker Clemenceau verdanken wir dem britischen Historiker D. Watson. Mit dem vorliegenden Werk wird die Lücke endlich geschlossen. Jean-Baptiste Duroselle, Membre de l’Institut, das Haupt der französischen Zeithistoriker, hat ein imponierendes Werk vorgelegt. Als Katholiken und mildem Konservativen würde man ihm eigentlich dieses enorme Engagement für den Kirchenfeind Clemenceau nicht zutrauen. Duroselle untersucht nicht nur die Politik, sondern bezieht in seine Darstellung auch andere Lebensbereiche, die Familie, Freunde sowie seine verschiedenen Interessen ein. Es ist ihm gelungen, wichtige neue Quellen zu erschließen. Das Musée Clemenceau in dessen Wohnhaus in der Rue Franklin in Paris hat umfangreiche Bestände erstmals zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus hat der Autor weitere ausgedehnte Korrespondenzen mit Freunden und mit der Familie gefunden und ausgewertet. Denn die unzähligen Briefe, die Clemenceau in seinem Leben geschrieben hat, waren für ihn die wichtigste Form der Kommunikation, da ihm das Telephon, dessen Siegeslauf gerade begonnen hatte und das sich zum schlimmen Feind des Historikers entwickeln sollte, unheimlich war, und er es deswegen nach Möglichkeit mied.

Drei Schwerpunkte lassen sich in seinem Leben unterscheiden. Da ist zunächst der Politiker – der Abgeordnete, Senator und schließlich Regierungschef; dann der Journalist – von den ersten Anfängen in Studententagen zum Herausgeber und Mitarbeiter bei verschiedenen Blättern bis zum November 1917; seit der Übernahme der Regierung im Jahr 1917 sollte er bis zu seinem Tod keine Zeile mehr für eine Zeitung schreiben – und drittens sein Leben als komme de lettres, als eine literarische Existenz mit einer eindrucksvollen Weite geistiger Interessen, die von der Philosophie über die Literatur und Kunst bis zu den exakten Wissenschaften reichte. Vielfältig waren seine Beziehungen zu den Malern der damaligen Moderne, den Impressionisten, die ihn mehrfach portraitiert haben (Manet, Degas). Die enge Freundschaft mit Claude Monet hielt von den Studentenzeiten bis zum Tode des Malers im Jahre 1926.

So vielfältig die Interessen, so fällt doch eine Absenz auf: die Geschichte. Als zukunftsorientierten Menschen ließ ihn das Vergangene kalt. Die Geschichte mochte als Sammlung von Beispielen und Präzedenzfällen dienen, was auf Klischeevorstellungen hinauslief, die bei Bedarf politisch zugespitzt werden konnten. So hat auch seine Idee von Frankreich wenig mit Geschichte zu tun, es ist eine mystische Vorstellung, ein Patriotismus von religiöser Glaubenskraft. Deshalb war er nie ein Nationalist, kein Politiker, der die „legitimen“ Großmachtinteressen Frankreichs im Blick hatte. Daher haßte er die Rechte, die Nationalisten, und mit ihnen die Klerikalen und die Antisemiten. Auch Napoleon, dem Begründer des Kaiserreichs, stand er ablehnend gegenüber, wie er überhaupt nichts von Imperien hielt. Schon sehr früh gebrauchte er den Begriff Imperialismus in pejorativer Bedeutung, und zeitlebens erwies er sich als Gegner der französischen Kolonialpolitik.

Von daher erklärt sich zumindest teilweise seine Einstellung gegenüber Deutschland. Die historische Entwicklung und wie es schließlich 1870 zum Krieg kam, interessierte ihn nicht. Er sah nur ein gedemütigtes und von dem siegreichen Deutschland weiterhin bedrohtes Frankreich, das alle Kraft sammeln mußte, um in der nächsten Auseinandersetzung nicht unterzugehen.