Damit von Anfang an keine Mißverständnisse entstehen: Wenn es ein Ereignis gibt in diesen Tagen und Wochen, das niemand verpassen darf, dann ist es Rivettes filmische Phantasmagorie "La Bande des Quatre".

Selbstverständlich kennt die Kunst keine Ranglisten. Aber dieses Werk von Jacques Rivette ist gewagt und glänzend, geheimnisvoll, zärtlich, kraftvoll, fiebrig – "und ist ein Beispiel dafür, daß die Filmkunst kein Traum ist. Es gibt sie. Ab und zu gibt es sie."

*

Ein Tisch im Café: ein Buch, eine Tasse. Und eine Frau, die liest, trinkt, ein paar Münzen hinwirft. Kurz danach steht sie auf und geht.

Draußen schlendert sie durch eine abgelegene Nebenstraße. Sie schaut hoch und lächelt. Eine Treppe, eine breite Tür, rostrot mit blauen Fenstern, sie betritt einen engen Flur, weiße Decken, rote Wände, ihr gelber Rock leuchtet. Noch eine Treppe, noch eine Tür, schwarz mit gelben Fenstern, dann ist sie in einer anderen Welt.

Auch hier dominiert Rot; dazu Weiß und Schwarz. Aber alles wirkt weit, hoch, offen. Die Frau betritt ein Podest, ihr gelber Rock glänzt. Sie wirft ihre Jacke zur Seite, bleibt danach ruhig stehen. Hinter ihr tritt eine andere Frau hinzu, übereifrig, hektisch. Sie legt ihren Rucksack ab, er ist blau, springt dann, in Bluejeans und Lederjacke, auf das Podest und eröffnet den Dialog: "So hören Sie doch..." – "Sie stören." – "Etwas Vernunft." – "Nein, keinesfalls." – "Jedoch." – "Jedoch will ich keins." Die Frau in Gelb, weiter: "Ich hasse die Gesundheit, bin gerne krank. Will kein Mittag-, kein Abendessen. Will wütend sein, euch hassen allesamt, bis ich Arlequin sehe, den ihr mir nahmt."

Plötzlich greift eine Stimme aus dem Off ein, sie ermahnt und korrigiert. Das Gespräch entpuppt sich als Bühnenprobe. Die Heldin im Film wird – ohne Übergang – auch zur Theaterheldin, ihr Spiel ein doppeltes.