Von Ernst Hess

Drittes Schuljahr, Heimatkunde. Wir trugen kurze Lederhosen und braune Sandalen, hatten fünfzig Pfennig für die obligate Sinalco im Geldbeutel und den Kopf noch voller Träume. Auch auswendig gelernt wurde damals, neben den Klassikern allerlei nützliche Reime, sogenannte Eselsbrücken oder Merkverse: „Wo Werra sich und Fulda küssen, sie ihre Namen büßen müssen. Und hier entsteht durch diesen Kuß, deutsch bis zum Meer der Weserfluß.“

Was lernten wir daraus, an diesem Wandertag der späten fünfziger Jahre? Daß die Weser eben nicht irgendwo entspringt, sondern ihr Wasser zu gleichen Teilen von Fulda und Werra bezieht. Die eine Quelle, das wußten wir, gehörte den Russen. Man konnte nicht hinfahren, ohne als Spion verhaftet, eingesperrt oder von Ulbricht zum Dienst in der FDJ verpflichtet zu werden. Die andere lag vor unserer Haustüre, in achtkantigen Basalt gefaßt, am Südhang der Wasserkuppe und regelmäßig von Schulklassen umlagert. Eine richtige Quelle, wie man sie aus Kinderbüchern kannte.

„Hess, wie groß ist die Schüttung der Fulda?“ Ich stammelte etwas von „achtzig Liter pro Minute“, was falsch war und den Lehrer in der Einschätzung meiner grenzenlosen Unwissenheit bestätigte. Die Welt bestand für uns eben noch nicht aus Bergen, Städten und Flüssen, sondern vor allem aus Unfug, Abenteuer und schulfreien Wandertagen.

Ich bin später noch oft hingefahren, zuerst mit dem Fahrrad, dann mit der Zündapp „Bella“. Nie wieder war es an der Quelle so lustig. Die Kumpels fehlten, mit denen man das Wasser abgraben, andernorts stauen und schließlich als reißenden Sturzbach freilassen konnte. Es fehlte das resignierte Gezeter des Lehrers, der Geschmack aufgeweichter Butterbrote oder die Rauferei im Gras. Nur das Gedicht konnte ich noch auswendig:

„Hier halte Rast, dich labt die Quelle

der Fulda, die mit klarer Welle