Die politische Linke entdeckt den Westen wieder, die Konservativen endlich den Osten

Von Gunter Hofmann

Bonn, im Juni

Helmut Kohl und Alfred Dregger, Richard von Weizsäcker und Otto Schily, Hans-Jochen Vogel und Hubert Kleinen, sie alle waren einer Meinung. Erhard Epplers Rede zum 17. Juni vor dem Parlament nannten sie entweder eine geradezu patriotische Tat oder eine politische Glanzleistung, die mindestens nach Fortsetzung im Dialog riefe.

Ähnlich war es Willy Brandt am Vortag ergangen. Mit seiner Erwiderung auf die Regierungserklärung des Kanzlers zum Besuch Michail Gorbatschows löste er ein begeistertes Echo aus, auf allen Seiten des Parlaments. Kürzlich war dem Bundespräsidenten noch verübelt worden, daß er dem Kanzler a. D. zum 75. Geburtstag ein Essen gegeben und ihn als eine der „großen Leitfiguren in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg“ gewürdigt hatte. Jetzt zeigte sich auch die Union, von Kohl bis Volker Rühe, sichtlich überwältigt.

Wie der vorläufige Schlußstrich unter eine Debatte über den politischen Standort der Republik und die deutsche Identität wirkte diesmal sogar die Gedenkstunde zum 17. Juni. Es war viel vorausgegangen. Die künstlichen Inszenierungen zum vierzigsten Geburtstag der Republik, der Streit über die Giftgasfabrik in Libyen, das deutsche Nein zu den Kurzstreckenraketen und die amerikanische Warnung, es sei „zu früh für ein mächtiges Deutschland“, die Bush- und Gorbatschow-Visiten – dies alles hat dazu geführt, daß der Gedenktag diesmal zur Deutschstunde wurde.

Erhard Eppler hat seine Chance glänzend genutzt. Davon kann eigentlich nur überrascht sein, wer Eppler nicht kennt und wer die dramatischen, untergründigen Veränderungen ignoriert, die sich hierzulande seit längerem anbahnen.