Von Helmut Becker

Nur zwei Tage lang hatte sich Japans neuer Premier Sosuke Uno der Nation als Saubermann präsentiert, dann hagelte es abermals peinliche Enthüllungen. Auf die Recruit-Bestechung, die in den vergangenen zwölf Monaten praktisch die gesamte politische Elite der regierenden Liberal-Demokratischen Partei (LDP) schwer diskreditiert und Unos Vorgänger Noboru Takeshita das Amt gekostet hatte, folgte nun die Geisha-Affäre. Nach der Käuflichkeit der Politik durch die Industrie diesmal die Käuflichkeit von Sex durch Politiker.

Der neue Skandal begann wie der Fall Recruit oder Lockheed mit Verzögerung, als eher läßliche Sünde eines Prominenten, denen im Reich der aufgehenden Sonne Machtmißbrauch wie ein Geburtsrecht zugestanden wird. Am 4. Juni, dem Blutsonntag von Peking, veröffentlichte das angesehene Sonntagsmagazin Sunday Mainichi die Bekenntnisse einer „Frau A.“ unter der anklagenden Schlagzeile: „Du hattest Deinen Willen mit mir!“ Die Dame, nach Angaben des Magazins eine heute vierzigjährige „Geisha“ im Ruhestand, ging dem neuen Premier direkt ans Leder. Uno habe sich nicht nur 1985 und 1986 fünf flotte Monate lang für umgerechnet 40 000 Mark die Dienstleistungen der Geisha gesichert. Er sei obendrein auch ein ausgesprochen ungalanter Liebhaber, „egoistisch, unsensibel und geizig“ gewesen, klagte die Geisha. Dieser Mann, so die durch die Berührung mit der hohen Politik zur Patriotin geläuterte Konkubine, sei fürs höchste Amt im Staate ungeeignet.

Doch die Empörung blieb aus. Die angebliche Affäre des geckenhaft eitlen 66 Jahre alten Uno mit einer Prostituierten war kaum der Stoff, der in Japan einem Politiker die Karriere kosten könnte. Schließlich herrschen in Japan nicht amerikanische Verhältnisse, wo ein Techtelmechtel mit einem Playgirl einen Präsidentschaftskandidaten aus dem Rennen zu werfen vermag. Japans Tageszeitungen, einschließlich der Mainichi Shimbun als Schwesterpublikation der Sunday Mainichi, war das Geisha-Bekenntnis keine Zeile wert. Zu viele Premiers wie etwa Nobusuke Kishi oder Kakuei Tanaka hatten sich öffentlich ihrer Konkubinate gebrüstet. Über käuflichen Sex kam bisher niemand in der ewig pubertierenden Männergesellschaft zu Fall.

Schlüpfrige Bettgeschichten Prominenter außerhalb der Welt des Showbusineß sind vor allem deshalb kein Reizthema für Medien oder Öffentlichkeit, weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Seit Japan 1957 die Prostitution verbot, lebt die Inselgesellschaft mit der Fiktion, daß sie damit auch abgeschafft wurde. „In unserer Gesellschaft geht es nicht um Moral oder den Anspruch von Wahrheit, sondern um die Aufrechterhaltung des Anscheins“, erklärt der katholische Schriftsteller Shusaku Endo das Talent der Japaner, die in ihrer Wirtschaftsgesellschaft reichlich vorhandenen Widersprüche zu verdrängen. An unkritisch im Inland und damit auch zwangsläufig im Ausland nachgebeteten Fiktionen mangelt es in Japan nicht. Sie reichen von banalen statistischen Aussagen über Arbeitslosigkeit, Inflation oder Verkehrstote, über plakative Mythen wie lebenslange Anstellung, Firmen, Familie oder geringe Kriminalität bis hin zu erhabenen Postulaten wie einer egalitären Gesellschaft ohne Extreme bei Reichtum oder Armut und Chancengleichheit im Bildungswesen. Mit dem schönen Schein konnte der fernöstliche Wirtschaftsriese bisher bestens leben: Auf das Ausland und fremde Wettbewerber wirkte das Image beispielhafter Problemfreiheit und intakter Sozialordnung demoralisierend und stärkte Nippons Ruf als Wirtschaftsvormacht der Zukunft; daheim verhinderten die Fiktionen jedes Aufbegehren, Reformen und die Entwicklung des etablierten Meinungsmonopols zu einer pluralistischen Gesellschaft.

Selbst der an den Grundfesten des Systems rüttelnde Recruit-Bestechungsskandal endete zunächst „mit einem Antiklimax“, wie die Tageszeitung Asahi Shimbun bedauerte, nämlich mit dem staatsanwaltschaftlichen Unvermögen, die Skandalrolle der beiden Ex-Premiers Noboru Takeshita und vor allem dessen Mentors Yasuhiro Nakasone aufzuklären. Den geistigen Humus, auf dem die Japan AG in den vergangenen vier Jahrzehnten ins Kraut geschossen ist, brachte Nakasone auf die nicht einmal zynisch gemeinte Formel: „Champions brauchen sich nicht zu rechtfertigen.“

Nach dieser Maxime konnte auch der zwei Tage amtierende Premier Uno den Sexskandal ungerührt ignorieren. Das änderte sich erst, als die internationale Presse die Attacken der Geisha auf ihren angeblichen Patron nachdruckte. Als ein sozialistischer Abgeordneter, mit der New York Times und der Washington Post bewaffnet, Uno in einer parlamentarischen Fragestunde vor laufenden Fernsehkameras nach der Geisha in seinem Intimleben ausforschte, brach in Tokio ein Sturm der Entrüstung los, der Uno und der LDP nicht weniger gefährlich werden kann als der Recruit-Bestechungsskandal.

„Durch die Aufmerksamkeit des Auslandes sind wir nun gezwungen, dem Privatleben unseres erst eine Woche amtierenden Premiers ungewöhnliches Interesse zu widmen“, entschuldigte sich die Mainichi Shimbun fast bei ihren Lesern für die erhebliche Verspätung ihrer Berichterstattung, „aber wir haben es hier schließlich mit einem Tabu zu tun, das Presse und auch alle Parteien beachtet haben.“

Die Sensibilisierung Japans durch die für das internationale Image der Nation verheerende Recruit-Schmierenkomödie zeigte eine Wirkung, die die LDP nicht erwartet hatte: Nach der erwiesenen Geldgier japanischer Spitzenpolitiker nun auch noch ein Sexskandal um den ersten Mann im Staate? Nach jahrzehntelanger Tradition bestochener Politiker und Geishas sorgte sich die Mainichi Shimbun plötzlich, „ob man diesen Mann zum Industriestaatengipfel nach Paris schicken darf“. Ausgerechnet Paris. Die Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft, die bisher durch Tabus und eiserne Diskretion kaum an öffentliche Rechtfertigung gewöhnt sind, tun sich schwer mit dem plötzlichen Pluralismus, der mit kleinbürgerlichem Eiferertum losschlägt. Auf die Frage des oppositionellen Abgeordneten Kanji Kawasaki an Uno, ‚wie der Premier zur Prostitution steht“, fiel dem Regierungschef zu dem Thema denn auch nichts ein: „Das ist eine private Angelegenheit, die ich nicht öffentlich diskutieren möchte.“

Wenn der Geisha-Fall eines zeigt, dann dies: Je enger Japan in die internationale Völkerfamilie integriert wird, desto stärker wird die bisher reichlich bemessene „Privatsphäre“ für das Inselreich und seine Repräsentanten schrumpfen müssen. „Die jüngste Yen-Schwäche und die Unlust an der Börse sind direkte Folgen des Geisha-Skandals“, empörte sich letzte Woche die Asahi Shimbun. Ergänzte das Wall Street Journal: „Scham kann heute in Japan Berge versetzen.“

Die angebliche Liaison Unos wiegt vorerst jedenfalls mehr als der einjährige Recruit-Dauerskandal: Zum Ärger über den Dilettantismus der politischen Führung kommt der bittere Abschied von liebgewordenen Fiktionen einer nach außen intakten Wirtschaftsgesellschaft. „Wer eine Geisha anständig behandelt, braucht keine Indiskretionen zu befürchten“, erinnerte die Asahi Shimbun an die heile Welt von gestern. Doch inzwischen fühlt sich nicht nur eine Geisha schlecht behandelt. „Ich will für meine Partei doch nicht den Clown spielen“, wetterte in der vergangenen Woche Masayoshi Ito, als die LDP ihn zum Chef einer Parteireformkommission küren wollte. Itos Absage an den gestürzten Premier Takeshita machte erst die Wahl Unos zum Verlegenheitspremier möglich.

Auch der Großindustrie scheint der Geduldsfaden gerissen zu sein. Als sich Uno angesichts des Blutbads in Peking mit lauwarmem Bedauern begnügte, maßregelte ihn der Chairman von Nissan-Motor und Chef des Wirtschaftsdachverbandes, Takashi Ishihara, öffentlich: „Dort geschehen Menschenrechtsverletzungen, die wir nicht hinnehmen können, solange wir kein rechtloses Land sind.“ Uno verstand diese Botschaft nicht und schwieg. Bis zum Montag dieser Woche: Da bestellte Ishihara samt den Chefs der drei anderen Wirtschaftsdachverbände die LDP-Spitze zum Rapport mit der klaren Drohung: Entweder Parteireform oder aber erheblich weniger Geld. Zuvor aber hatte Ishihara die Generalsekretäre der vier bürgerlichen Oppositionsparteien gebeten und erforscht, was die Wirtschaft von einem Sieg bei den nächsten Wahlen zu erwarten habe. „Mit Konfusion kommen wir nicht mehr weiter, und Japan bleibt international zurück“, meinte Ishihara nach dem Plausch mit dem Oppositionslager.

„Das kollektive Zusammengehörigkeitsgefühl hat gelitten, der einzelne ist plötzlich isoliert, und die Nation krankt an mentaler Instabilität“, analysiert Hiroyuki Hisamizu, ehemaliges Vorstandsmitglied der mächtigen Industriebank von Japan. Für eine Integration in die Völkergemeinschaft ist dies womöglich eine bessere Gemütslage als die neo-japanische Arroganz als angebliche Numero eins der Welt. Aber es bleibt offen, ob eine Geisha allein schon die Wende zu dauerhafter Selbstkritik und tiefgreifender gesellschaftlicher und politischer Reform bewirkt. „Das Traurige an Japan ist, daß wir erst dann etwas als peinlich oder falsch erkennen, wenn uns ein anderer darauf hinweist“, macht sich der Chefredakteur der Sunday Mainichi seine Gedanken: „Als wir die Geisha-Bekenntnisse brachten, hofften wir auf Wirkung über den Umweg durch die ausländische Presse.“