Feierstunde in Budapest: Die Ungarn wollen Versöhnung für einen neuen Anfang

Von Wolfgang Weisgram

Budapest, im Juni

Der Autobus aus Sopron, der Grenzstadt zu Österreich, war unmißverständlich drapiert worden. Ein sichtlich in aller Eile zusammenkopiertes Plakat, von innen an jedes zweite Fenster geklebt, zeigt die Portraits zweier ungarischer Ministerpräsidenten. Beide Volkshelden. Und beide Märtyrer, da die ungarische Geschichte nur gescheiterte Volkshelden kennt. Der eine, Imre Nagy, scheiterte 1956. Der andere, Lajos Batthyäny, 1849, nachdem der österreichische Kaiser Franz Joseph die unbotmäßigen Ungarn wieder unter seine Krone gezwungen hatte.

Aber das ist nicht die einzige historische Anspielung. "Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes", so huldigt Geza Klein, ein Architekt und Dolmetscher, der in Ungarn immer noch viel geübten Kunst, gleich zwei Geschichten auf einen Schlag zu erzählen, "begann eine Zeit der massiven Unterdrückung, der Rachsucht und der Kollaboration, die erst viel später, 1867, von einer Phase der Reformen abgelöst wird." Lajos Batthyäny und einige seiner Mitstreiter waren 1849 gefangengenommen worden. Sie wurden vor ein Schnellgericht gestellt und hingerichtet. "Seit diesem Tag", erklärt Geza Klein, "stößt man in Ungarn nicht mehr mit den Gläsern an, wenn man sich zuprostet. Denn dies haben die Habsburg-Schergen mit den Köpfen der Enthaupteten getan. Als eine letzte, endgültige Schmach." Die ungarische Geschichte ist voll von makabren Details.

Tausende ziehen zum Hösök tere, zum Heldenplatz. Sie kommen aus allen Richtungen. Über die Neköztdrsasdg útja, durch das Stadtwäldchen, über die Dózsa György út, auf der sonst die Maiaufmärsche stattfinden. Sie kommen einzeln, in Gruppen; und in zahllosen Delegationen mit Flaggen und Schildern, auf denen die Namen der Städte stehen, die sie entsandt haben. "Debrecen" etwa, oder "Pécs". Aber auch "Luzern" und "Sydney". "Paris sehe ich nicht", sagt Geza Klein ein wenig enttäuscht, "aber sicher ist Paris irgendwo da."

Géza Klein ist 58. Im November 1956 überquerte er bei Sopron die österreichische Grenze, war zuerst in Wien, von 1957 an lebte er in Paris. 1981 ist er zurückgekommen. Erst nur auf Urlaub wie ein Tourist. Dann blieb er doch, einer Ungarin wegen. Im Sommer 1956 hat Klein sein Architekturstudium an der Technischen Universität in Budapest abgeschlossen. Zu einer Zeit, als es dort bereits gärte. Im Frühherbst tauchte an der Universität dann ein Mann auf, der ihn faszinierte: József Szilágyi. Er unterstützte die Studenten in ihrer wilden Opposition gegen Rákosi und seinen Epigonen Gerö, und er koordinierte ihre Empörung. Wenig später war er der Kabinettschef der Regierung Nagy.