Von Frank Drieschner

Bremen

Nach dem Banküberfall in Gladbeck inszenierten Gangster, Polizei und Medien am 17. August vergangenen Jahres auf einer Raststätte nahe Bremen den zweiten Akt des Geiseldramas. Um 23.07 Uhr erschoß einer der Entführer den fünfzehnjährigen Emanuele de Giorgi. Danach, sagte später ein Polizeiführer vor dem Untersuchungsausschuß der Bremer Bürgerschaft, "hat jeder Verantwortliche zugesehen, wie er aus seiner Verantwortung herauskommt".

Im Bericht des MEK, des Mobilen Einsatzkommandos der Polizei, klafft zwischen 22.23 Uhr und 23.15 Uhr eine Lücke – als sei in dieser Zeit nichts erwogen, entschieden, angeordnet worden. Möglicherweise hat der Protokollführer den Überblick verloren. Es sei im Lagezentrum der Polizei in der Bremer Innenstadt "sehr voll" gewesen, berichtete später der Regierende Bürgermeister Klaus Wedemeier, der sich dort zur "moralischen Unterstützung" der Polizei aufhielt. Daß die anwesenden Polizeibeamten kaum imstande waren zu entscheiden, wer von ihnen welche Anrufe entgegennehmen sollte, bemerkte der Bürgermeister nicht. Bis heute ist strittig, ob während des Geiseldramas im Lagezentrum der Bremer Polizei jemals ein Führungsstab zusammengetreten ist. Ebenfalls unklar blieb, wer für die Festnahme Marion Löblichs auf der Raststätte verantwortlich ist. Zwei Beamte des MEK schnappten sich die Komplizin der Entführer auf dem Weg von der Toilette zum Geiselbus – angeblich in Notwehr: Die Frau habe einen Polizisten mit der Pistole bedroht. Zeugen der Festnahme allerdings bemerkten die Waffe nicht.

Als seine Komplizin trotz aller Drohungen nach mehr als zwanzig Minuten nicht zurück war, erschoß einer der Geiselnehmer den fünfzehnjährigen Italiener. Bisher hatte die Polizei behauptet, Marion Löblich sei unverzüglich wieder freigelassen, auf dem Weg zum Bus aber möglicherweise von Journalisten aufgehalten worden. Doch kürzlich spielte der Untersuchungsausschuß dem Leiter des MEK, Dieter B., den Mitschnitt eines Telephonats mit einem seiner Leute auf der Raststätte vor. Der Mann meldete: "Die weibliche Mittäterin, die ist von uns festgenommen worden ... Die sind alle so heiß, die wollen die niedermachen." – B: "Ja, ist auch Auftrag ... Es könnte jetzt folgende Situation eintreten: ... Pressevertreter wollen sich als Geisel quasi zur Verfügung stellen ... Wenn sich da ’ne Gelegenheit ergibt, soll der Zugriff erfolgen."

Dauerte es darum so lange bis zu Marion Löblichs Freilassung? Der Fahrer des Geiselbusses berichtete dem Ausschuß von der Frage eines Unbekannten: ob der Bus außer der Tür noch andere Eingänge habe. Sollte der Wagen gestürmt werden, während ahnungslose Journalisten die Geiselnehmer ablenkten? Der MEK-Chef verweigert die Aussage; er fürchtet ein Strafverfahren.

Daß der brisante Telephonmitschnitt auftauchte, ist kein Verdienst der Polizei. Ein Hobbyagent und ehemaliger Verfassungsschützer hatte Funk und Autotelephonate aufgezeichnet und der Bremer Lokalausgabe der taz zur Verfügung gestellt. Kurz darauf beschlagnahmte die Polizei die Bänder; sie verschwanden in den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft – als Beweismaterial nicht gegen die Polizei, sondern gegen den Lauscher.