Ganz zum Schluß kommen die Sozialdemokraten und die Grünen. Im europäischen Nachwahlgetümmel sind sie an den Rand geraten, kein Wunder bei den neuen Einbrüchen für die Union und dem ersten Flächenerfolg für die Republikaner. Aber die eher beiläufige Aufmerksamkeit haben sie sich auch selber zuzuschreiben. Gleich in der Wahlnacht ließen sie die Köpfe hängen; Hans-Jochen Vogel war stinksauer, und auch im grünen Hause Wittgenstein bei Bonn ging es, auf einer ausgedehnten Party, nicht gar so lustig zu. Das Klassenziel, jedenfalls das europäische, haben sie nicht erreicht. Eine relative Links-Verschiebung im Straßburger Parlament und ein rauschender Einstand der Alternativen in einigen Ländern – aber in der Bundesrepublik treten, zumindest auf den ersten Blick, SPD und Grüne auf der Stelle, ein ärgerlicher Kontrast. In der SPD-Bundestagsfraktion rumort es sogar, besonders wegen des Waschmittelwahlkampfs der Parteizentrale.

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Die Sozialdemokraten litten auch an demoskopisch bestärkter Autosuggestion, ähnlich wie weiland nach ihrem Triumph in Nordrhein-Westfalen, nach dem sie sich bereits auf der Siegerstraße zur letzten Bundestagswahl zu sehen begannen. Und bei nicht wenigen Realos unter den Grünen nahmen die Bündnisse mit den Sozialdemokraten in Berlin und Frankfurt sozusagen schon nationale Dimensionen an. Nun hat die SPD in der europäischen Abteilung nicht nur nicht die magischen vierzig Prozent erreicht, sondern ist sogar gegenüber der Union um Haaresbreite im Hintertreffen geblieben. Ab in den Keller mit den Hoffnungen.

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Erst zur Wochenmitte war der Zahlenwust so weit analysiert und das Bild aufgehellt, daß sich die Köpfe wieder hoben. Immerhin und aha: die SPD nach den Europawahlen in acht von zehn Bundesländern, auch solchen der Union, stärkste Partei, in Hessen und Niedersachsen, das beim Landtagswahl-Marathon im kommenden Jahr wieder eine Schlüsselposition hat, sogar stärker als CDU und FDP zusammen. Die Kommunalwahlen an der Saar und zumal in Rheinland-Pfalz unterstreichen diesen Befund noch mehr.

Da bedurfte es kaum noch des Ordnungsrufs von Oskar Lafontaine an seine Partei, sie möge die wenn auch begrenzten Gewinne doch bitte nicht als Niederlage empfinden. Auch am Wochenanfang war der saarländische Ministerpräsident in Bonn wieder öffentlich zur Stelle, wie seit geraumer Zeit bei fast jedem partei- oder innenpolitischen Ereignis von Belang. Zwar steht er nach den letzten Stimmgängen auch nicht gerade als strahlender Sieger da, doch mit einer guten Ausgangsbasis für seine Landtagswahl. Und was er hält, dazugewinnt oder jedenfalls zur Union an Abstand bewahren kann, es wird ihm zugute kommen, wenn es um den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten geht.

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