Der Satz "Kokain ist die Rache Lateinamerikas für den Yankee-Imperialismus" ist südlich des Rio Grande weit verbreitet, vernebelt aber, um was es wirklich geht, nämlich um schätzungsweise acht Milliarden Dollar jährlich. So viel Geld läßt auch Kommunisten schwach werden. Kubas höchstdekorierter Soldat und Held der Revolution, General Arnaldo T. Ochoa Sánchez, wurde – neben anderen Offizieren – in der vergangenen Woche verhaftet. Havanna wirft ihm "Geschäfte mit internationalen Drogenschmugglern" vor.

Castro wird seine Gründe haben, einen so mächtigen Mann jetzt bloßzustellen; "Castroika", Fidels stures Nein zu Perestrojka und Glasnost, ist nicht ohne Widerspruch geblieben. Doch Gerüchte und Hinweise, die Zuckerinsel sei in den Kokainhandel verwickelt, gibt es schon lange. Sie haben einen sozusagen technischen Grund.

Koka wird inzwischen in allen Andenländern Südamerikas in großem Maßstab für die Rauschgiftgewinnung angebaut. Die chemische Aufbereitung der Blätter ist mittlerweile fest organisiert; das kolumbianische Medellin-Kartell ist der bekannteste quasi-industrielle Verwerter. Ob Kolumbien, Bolivien oder Peru – die Regierungen sind macht- und/oder willenlos, dieses Gewerbe zu unterbinden.

Bleibt der Transport in die Vereinigten Staaten. Das Medellin-Kartell bietet bis zu 30 000 Dollar für einen Flug gen Norden, am liebsten in einmotorigen Sportflugzeugen, die schwer zu orten sind, freilich auch geringere Reichweiten haben. Sie müssen spätestens in Mittelamerika nachtanken, und der Reichtum des panamesischen General-Diktators Noriega entspringt auch der in diesem Sinne günstigen Lage Panamas und der "Bereitschaft" der Behörden, nichts zu sehen.

Doch wo das zweite Mal nachtanken? Da bietet sich Kuba an, zur Landung oder auch zur "Wasserung" des Flugzeugs, das sich mit einem einzigen Flug bezahlt macht und ruhig absaufen kann, wenn nur die wertvolle Fracht rechtzeitig auf Boote umgeladen wird. Dies geschieht, vom amerikanischen Radar oft beobachtet, in kubanischen Hoheitsgewässern. Nicht ganz so günstig liegen Haiti und die Dominikanische Republik, aber auch sie profitieren vom Koka-Flugverkehr.

Doch von Panama aus läßt sich auch der Landweg nutzen, und er wird genutzt, bis nach Mexiko mit seiner langen Grenze zu den Vereinigten Staaten. Mexikos Rauschgifthändler haben für ihr Marihuana eigene Schmuggel-Verbindungen aufgebaut, in die sich – so muß man wohl Meldungen über Todesfälle im Norden Mexikos interpretieren – die Männer der kolumbianischen Kartelle hineindrängen, gemäß ihrem Motto, daß wenige Mitwisser die Gefahr des Verrats mindern und den Profit erhöhen.

Castros Abscheu vor Rauschgift ist sicher ernst zu nehmen. Doch die Insel leidet nach wie vor unter Devisennot, und die Angola-Heimkehrer, bisher pikanterweise in Dollar entlohnt, werden die wirtschaftlichen Nöte verschärfen. Offenbar hat der Bärtige erst zugeschlagen, als die Narco-Dollars jene Folgen zeitigten, unter der alle in Anbau, Herstellung und Transport verwickelten Staaten leiden: eine sprunghafte Zunahme von Korruption und Gewalt. Haiti war eines der blutigsten Beispiele für die Skrupellosigkeit uniformierter Narco-Händler, die ihre Pfründe verteidigten.

Vom Kokain profitieren aber auch ganz andere Kräfte. Die Guerilla, wie die Koka-Fabriken und die Flugplätze der Kuriermaschinen, in einsame Gegenden abgedrängt und vom Militär mehr oder weniger intensiv verfolgt, hat den "Schutzdienst" entdeckt. Sie läßt sich mit Waffen bezahlen, was dem Narcotrafico um so leichter fällt, als er seine Dollars schon länger zwecks Waschen zirkulieren läßt. Auch für dieses Geschäft hat sich Panama als günstig erwiesen. Bekannt ist das schon lange; es wurde öffentlich angeprangert, als Noriega nicht mehr die antisandinistische Contra ausbildete und ausrüstete. Aber auch das hat Fidel seit langem gewußt... Horst Bieber