Der Parlamentarische Rat war, wie General Hays kürzlich in einer Pressekonferenz bestätigte, lediglich berechtigt, den Ort der ersten Parlamentstagung zu bestimmen. Die Entscheidung über den vorläufigen Bundessitz ist also bis heute weder gefällt noch präjudiziert. Sie bleibt dem Bundestag überlassen. Es widerspricht demnach nicht, wie zuweilen behauptet wurde, den Spielregeln der Demokratie, den interimistischen Beschluß des Parlamentarischen Rates (zugunsten von Bonn) öffentlich zu diskutieren, vor allem im Hinblick auf eine mögliche Vergeudung öffentlicher Mittel.

Die bizonalen Bauten in Frankfurt wurden auf Anordnung der beiden zuständigen Militärregierungen geschaffen. Diese hatten für die Wahl Frankfurts ihre guten Grunde: die günstige Verkehrslage der Stadt, die Unterbringungsmöglichkeit fast sämtlicher Kontrollorgane in dem mit den modernsten Einrichtungen der Nachrichtentechnik ausgestatteten, mehr als 40 000 Quadratmeter Bürofläche umfassenden IG-Haus, die Bedeutung der Stadt als Wirtschaftszentrum, die Leistungsfähigkeit ihres Telephonnetzes und anderes mehr. Inzwischen ist zu diesen Argumenten ein neues, gravierendes, hinzugekommen: der bisherige finanzielle Aufwand für die Ausgestaltung Frankfurts zum bizonalen Regierungszentrum. Aus Mitteln der Länder und des Zweizonen-Haushalts wurden für Verwaltungsgebäude, für Wohnbauten, für Arbeiterunterkünfte und für die Errichtung von Häusern der Ländervertretungen zusammen etwa 62,7 Millionen D-Mark ausgegeben. Die bisherigen Investitionen einzelner bizonaler Stellen sind mit zusammen 20,1 Millionen zu veranschlagen. Rechnet man noch die Investitionen der Wirtschaftsverbände mit etwa 14 Millionen, den Ausbau der 29 Konsulate und sonstigen ausländischen Vertretungen mit rund 2 Millionen dazu, dann ergeben sich Gesamtausgaben von ungefähr 100 Millionen D-Mark. Zur Unterbringung des gesamten Regierungs- und Kontrollapparates in Frankfurt mit al em, was dazu gehört, ist nichts weiter nötig, als eine letzte Investition von etwa 3 1/2 Millionen DM für den Bau eines Parlamentsgebäudes, mit dem bereits begonnen wurde. In Bonn handelte es sich dagegen nicht um eine End-, sondern um eine Anfangs-Investierung.

Frankfurt ist radial an das Autobahn- und Fernstraßennetz angeschlossen, in Bonn stehen nur die beiden Rheinstraßen und die Autobahn Frankfurt–Köln zur Verfügung. Frankfurt hat den Rhein-Main-Flughafen, einen der Zentralflughäfen des Kontinents. Aber das wichtigste Faktum, das für Frankfurt spricht, ist wohl die Leistungsfähigkeit seiner Fernmeldeeinrichtungen. Nach den Berechnungen des Fernmeldetechnischen Zentralamtes der Bizone würde ein einigermaßen ausreichender Ausbau der Fernmeldeeinrichtungen in Bonn eine Bauzeit von etwa eineinhalb Jahren und einen Kostenaufwand von ungefähr 11 Millionen DM erfordern. Kommen aber die gesamte Regierung und der Kontrollapparat nach Bonn, dann würde sich die Bauzeit entsprechend verlängern und der Kostenaufwand auf ein Vielfaches der genannten Summe erhöhen. Mindestens eineinhalb Jahre könnten also weder die Regierungsämter noch die Nachrichtenbüros von Bonn aus in dem erforderlichen Umfange telephonieren. Das heißt: die Regierung wäre in ihrer Aktionsfähigkeit schwer behindert.

Diese eine Tatsache allein wiegt viele Argumente auf, die für die – wer wollte es in Abrede stellen? – wunderschöne Stadt am Rhein vorgebracht wurden, von der einer ihrer maßgeblichen Fürsprecher sogar behauptete, in ihrem soliden Milieu käme die Moral der von ihren Familien getrennten Herren Abgeordneten nicht so leicht in Gefahr wie angesichts des Frankfurter Nachtlebens... (gekürzt) Bs.