Von Ute Blaich

Die Deutschen gelten als tierlieb. Fast vier Millionen Katzen, etwa dreieinhalb Millionen Hunde scheinen für das „Affektionsinteresse“ (Juristen-Jargon) des Menschen am Tier zu sprechen.

Aber 500 vollgestopfte Tierasyle strafen das schmeichelhafte Vorurteil Lügen. In ihnen leben arme Kreaturen, die als bewegliche Ware das Unglück hatten, kurzlebige Unterhaltungs-Marotten der Menschen zu befriedigen. Angeschafft – abgeschafft. Sie entstammen meist heilloser Fließbandproduktion der Ware Tier. In chronischer Platznot vegetieren die vierbeinigen Weihnachtsgeschenke der Vorsaison auf engstem Raum, in oft desolaten Verhältnissen und warten geduldig auf das Erbarmen eines neuen Besitzers. Das Asyl – oft Endstation mieser Geschäfte mit lebenden „Einzelsachen“ (Juristen-Jargon).

Die Fernseh-Reportage „Wegwerf-Tiere“ von Mathias Welp (Dienstag, 27. Juni um 19.25 Uhr im ZDF) beschreibt, wohin profitträchtige Fabrikation von Tieren führt. Der Film handelt von Händlern und Hinterhofzüchtern, von den geschundenen Tieren und von Menschen, für die das Elend keine statistische Unverbindlichkeit bleibt. Sie protestieren nicht nur, sie handeln auch – und widerlegen im übrigen den Vorwurf, solche Leute seien irgendwie pathologisch: gutartige Spinner, Sektierer, Sonderlinge, Fanatiker.

Das Haus von Johanna Wothke, einer 48jährigen Volksschullehrerin in Uetzing, Oberfranken, ist Zuflucht für herrenlose Fundstücke, Hunde, die verwahrlost, geschlagen, mißhandelt oder „nur“ ausgesetzt wurden. Jedes Tier hat da eine Biographie, die nicht ins unheimlich gemütliche Bild von der übergroßen Tierliebe der Deutschen passen will. Johanna Wothke nimmt die ausgemusterten Fundstücke – wie zum Beispiel ihr „falscher“ Nackthund. Er wurde betrügerisch verkauft, per Bahnpost quer durch Deutschland verschickt, in einer engen Kiste zusammen mit einem zweiten „Stück“ Hund. Der enttäuschte Käufer „reklamiert“ die Ware, schickt die (noch) lebende Fracht retour. Noch einmal die Schinderei: quer durchs Land zurück an den Betrugshändler. Als der den Frachtkasten öffnet, liegt der falsche Nackthund halbtot auf dem bereits verendeten Leidensgefährten. Nun besinnt sich der tüchtige Geschäftsmann darauf, daß das unattraktive Vieh – es lebt ja noch – durchaus kommerziell verwertbar ist: für den Tierversuch. Auf Umwegen gelingt es Johanna Wothke, das jammervolle Leben freizukaufen. Für sechzig Mark bewahrt sie den Nackthund vor einer Folter-Existenz in irgendeinem der unzähligen Labore von Industrie und Universitäten. Bilanz ihres Engagements in sieben Jahren: 1200 vermittelte Hunde.

Ute Diekmann hat ein Katzenhaus in Dorfwelver bei Hamm. Vor einem halben Jahr mußte sie hierher ziehen. Nicht nur wegen der wachsenden Katzenflut, die nicht mehr artgerecht unterzubringen war, sondern auch deshalb, weil ihr am alten Wohnort Unverständnis und blanker Haß entgegenschlugen. „Katzenhure“, munkelten die Leute. Wer die Flut malträtierter Kreaturen, die sie in Obhut genommen hat, sieht, wird die Bilder nicht mehr los. Allesamt sind die Tiere um Haaresbreite der Brutalität, Quälsucht und Indolenz von Menschen entkommen. Der dreibeinige Sir Henry war im Schutt vergraben, Straßenpeter hat sein Besitzer den Kiefer weggetreten. Weit über hundert Katzen sind hier: geblendete, halb ersäufte, von Brandmalen übersäte Lebewesen.

Der Film zeigt betörend schöne Landschaften: Wiesen, Wolken, Hügelchen und den Himmel Niederbayerns. Versteckt hinter den grünen Idyllen stehen heruntergekommene Schuppen, Bruchbuden, Baracken, verkommene Ställe, in denen Hündinnen als Gebärautomaten mißbraucht werden. Ein lukrativer Nebenerwerb für Bauern. Hundeleben zwischen Dreck und Geburten. Wenn sie keine Würfe mehr bringen, werden sie abgespritzt. Oder Schlimmeres, denn Spritzen kosten ja Geld.

Welp zeigt die kleinen und die großen Mittäter. Die eloquenten und solche, die beredt schweigen. Viele Tiere landen im Versuchstiergeschäft. Fragt man die Verkäufer, zucken sie mit den Achseln: nichts gesehen, nichts gehört, nichts gewußt. Aber der Gesetzgeber gestattet eben jedem Haderlump, einen miesen Profithandel zu eröffnen: Nachweis von Sachkenntnis nicht erforderlich. Daß lebende Kreaturen wie Zementsäcke verschickt werden dürfen per Bahnpost und sie verstört, irre, halbtot oder tot ankommen, dem Gesetzgeber ist es offenbar gleich. Hauptsache: die Postgebühr ist ordnungsgemäß entrichtet. Schlimm auch, daß Kaufhäuser Tiere ausstellen und verkaufen dürfen – und damit genau jene Kundschaft ansprechen, die spätestens beim nächsten Sommerurlaub ihren Hund an der nächsten Autoraststätte aussetzt.