Jakov Lind: Der Erfinder

Wenn es (laut Adorno) die Aufgabe der Kunst ist, Chaos in die Ordnung zu bringen, so hat Jakov Lind, der in Wien geborene und heute in London und New York lebende Autor, sein Meisterstück vollbracht. In seinem fingierten Briefroman „Der Erfinder“ (Carl Hanser Verlag, München 1988; 168 S., 28,– DM) erzählt Lind die Geschichte zweier Brüder, genauer: zweier polnischer Juden, in England aufgewachsen und überall und nirgends zu Hause. Der zwischen Berlin, Jerusalem und Island pendelnde Emanuel berichtet seinem zeitweilig im Irrenhaus weilenden Bruder Boris vom Fortgang seiner neuesten Mission; der Erfindung einer Erlösungsmaschine, mit der die Menschheit für immer errettet werden soll.

Ein kurioses und manchmal etwas ermüdendes Treiben nimmt seinen Lauf, das auf der Grundidee basiert, daß die Phantasten die wahren Realisten sind. Unter den Auspizien, daß Lind das Buch in einer Zeit verfaßte, „als es mir seelisch und finanziell miserabel ging“ (Vorbemerkung), verwundert der lustige bis süffisante Ton des Briefwechsels. Für den ewig zu kurz gekommenen Lind, den Versteckspieler und Weltenbummler, ist Ironie und Satire wohl aber die adäquate Form des Galgenhumors eines Erfinders von literarischen Realitäten, die der schnöden Wirklichkeit die Utopie des Möglichen vortanzen.

Frank Dietschreit

Tomas Hägg: Eros und Psyche

Als literarischer Bastard, als Produkt vergnüglicher Vermischung hat der antike Roman vielerlei verschiedene Vorfahren: Epos und Geschichtsschreibung, Liebesdichtung und Lebensbeschreibung, Komödienszenen und Reisefabeln. Tomas Häggs Standardwerk „Eros und Psyche“ über den „Roman in der antiken Welt“, (Verlag Philipp von Zabern, Mainz; 311 S., Abb., 58,– DM), 1980 auf schwedisch und 1983 auf englisch publiziert, hat jetzt endlich auch eine angemessene, vom Autor autorisierte Fassung gefunden.

Nicht nur der Stammbaum der Prosa-Erzählungen, wie sie Longos und Apuleius, Petron und Chariton hinterlassen haben, ist prägnant beschrieben; auch der gesellschaftliche Hintergrund wird angedeutet, der Übergang zum Christlichen dargestellt wie auch zum mittelalterlichen Volksbuch. Selbst das Nachleben in Literatur und Kunst kommt nicht zu kurz. Das Panorama, das erschlossen wird, ist weit und reich und lockend. Bastarde sind oft faszinierend hübsch; dieser hier, der antike Roman, ist es auch, und Hägg hat all seine Vorzüge sicher portraitiert. Es gilt, was Apuleius über seinen Verwandlungsroman sagt, auch von dieser modernen Darstellung: „Paß auf, lieber Leser – du wirst dich amüsieren!“

Bernhard Kytzler