Man muß jetzt mit uns rechnen“, sagte Franz Schönhuber, der Chef der Republikaner. „Temporäre Erscheinungen“, sagte Theo Waigel, Chef der CSU. Mancher mag eben auch nach dem Triumph der Rechtsausleger nicht rechnen müssen. Allein, die Tatsachen zwingen dazu: Die machttrunkenen Schwarzen sind ernüchtert; sie haben in Bayern die absolute Mehrheit verloren. Rechts von ihnen ist eine Partei erwachsen, die bis vor kurzem noch als Blendwerk des Leibhaftigen galt. 14,6 Prozent errangen die Republikaner im Freistaat, die CSU lag in 61 von 96 Stimmkreisen unter dem 50-Prozent-Rubikon. „Irre, irre!“, frohlockte Schönhuber.

Erholt vom ersten Schock der Niederlage, rätseln die CSU-Granden, woran der unaufhaltsame Aufstieg der Republikaner und der mähliche Fall ihrer Partei liege. Die Integrationskraft der Volksparteien lasse nach; es fehle an politischen Visionen und visionären Politikern; zürnende Wähler hätten den etablierten Parteien einen Denkzettel verpaßt, heißt es. Manches mag im Blick auf die Ergebnisse etwa in München-Hasenbergl (wo viele sozial Deklassierte leben) durchaus zutreffen. Aber im Hinterland versagt das Erklärungsmodell „Protestwähler“. Denn in Kempten, Rottal oder Mühldorf gibt es keine nennenswerten Wohnprobleme, keine wirtschaftliche Not, keine „Ausländerflut“. Zum Beispiel Rosenheim, Hochburg der Republikaner: eine saturierte Stadt, ein fetter Landkreis mit nur 4,3 Prozent Arbeitslosen und 22,1 Prozent Wählerstimmen für Schönhuber.

Zwar ärgern sich die Leute auch hier über die politischen Bocksprünge der Bonner und Münchner Regierungen (zwischen Wehrdienstverlängerungs-Verkürzung und Wackersdorf). Doch ihre Motive, rechts zu wählen, liegen tiefer: Hier wurde ein namenloses Unbehagen an den herrschenden Verhältnissen zum ersten Wahlhelfer der Republikaner, die Angst vor sozialem Abstieg und vor dem Verlust von Besitzständen – und ein untergründig rumorender Fremdenhaß, den Schönhuber in Prozente ummünzte. Er hat das dumpfe Stammtisch-Geschrei dem Jargon seither Politik anverwandelt; er setzt klare Zeichen in unübersichtlichen Zeiten; er stillt die Sehnsucht nach einem Führer, der dem Volk nach dem Maul redet und verfemte Tugenden und verschüttete Traditionen wieder zur Geltung bringt.

Wer sich dieser Tage in Bayern umhört, dem schlagen rechtsradikale Bekenntnisse entgegen, die sich längst nicht mehr hinter bloßem Mißmut verstecken: Ein „brisantes Gemisch aus sozialen Ängsten und nationalen Gefühlen“ (Infas) bricht durch. Und spätestens die Landtagswahl im Oktober 1990 wird zeigen, ob es sich bei den Parteigängern der Republikaner um wankelmütige Protestwähler oder um beharrliche Stammwähler handelt.

Viele Wähler der „Repse“ seien Fleisch vom Fleische der Union, bekannte Heiner Geißler. In Bayern haben die Republikaner dem verstörten CSU-Löwen ein gewaltiges Lendenstück herausgeschnitten. Mit giftigen Attacken werden sie nicht unter die Fünf-Prozent-Hürde zu drücken sein. Nun ist jene sachpolitische Auseinandersetzung gefordert, die bisher nur in Sonntagsreden anklang. Dazu freilich müßte so mancher CSU-Funktionär selber erst von jener reaktionären Gesinnung abrücken, die seine Seelenverwandtschaft mit Schönhuber bekundet. Bartholomäus Grill