Wenn einmal der Tag der Abrechnung kommt, der Tag des großen Zorns, jener Tag, an dem gerichtet werden soll zwischen Guten und Bösen, dann wird der HErr in seiner unendlichen Gerechtigkeit zu ihnen sagen: "Ihr aber seid verdammt." Denn für die Schmusemusikanten von Pink Floyd ist kein Platz in der anderen Welt.

Schon seit 1966 terrorisiert diese Band für den gedichteschreibenden Oberschüler alle Menschen guten Willens mit ihrer friedfertigen Langeweile. Sie ist deshalb verantwortlich zu machen für alles, was seit Mitte der sechziger Jahre an Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufgekommen ist: alkoholfreies Bier, CD-Player, Botho Strauß, Goldkettchen mit Playboy-Logo, Lebenshilfe, Safer Sex, zuckerloser Zucker, Boss-Sakkos und Tiramisu aus der Packung. Was immer an schrecklich Neuem erfunden wurde, Pink Floyd ließ dazu die Computer-Musik zirpen.

Der gedichteschreibende Oberschüler, dem einst die Lehrer das Leben sauer machten, ist inzwischen selber Lehrer geworden, vorzugsweise in der Kombination Deutsch/Gemeinschaftskunde. Er lebt in einem von der SPD regierten Bundesland, hält eine Sozialwohnung der Neuen Heimat besetzt, obwohl er dafür längst zuviel verdient, er hat eine Frau, die ebenfalls Lehrerin ist (Sport/Kunst) und einen Doppelnamen führt, damit ihre Bedeutungslosigkeit noch auffälliger hervortrete, und er hat ein, zwei Kinder, die eine noch viel entsetzlichere Generation ankündigen. An dieser Bildungsschicht von neuen Kinderverderbern, die von nichts Ahnung, aber dafür in der Bundesrepublik das Sagen hat, ist niemand anders als Pink Floyd schuld, und dafür kann es keine Gnade geben.

Pink Floyd ist die Grüne Tonne, ist asbestfreies Wohnen, ist sozialdemokratisches Mittelmaß auf der ganzen Linie. Wenn die Kulturkritiker je recht hatten mit ihrer Warnung vor den schädlichen Folgen der Popmusik, dann hier: die Klangwolke Pink Floyd, dieser stillgestandene California-Pop, der sinn- und geistlos in den Abendhimmel dudelt, ist viel zu friedlich, als daß damit etwas auszurichten wäre. Deshalb wurden die minimalistischen Botschaften der Gruppe auch so begierig ernst genommen, sogar im Unterricht diskutiert, denn so harm- und zahnlos ließ sich anarchistische Wut glatt als Kunst verstehen. Wenn selbst der Musiklehrer einmal von seinem Alban Berg wegzukriegen ist und sich diesen irgendwie bedeutungsvoll klingenden Sound anhört, dann hat die Musik verloren, dann erfüllt sie ihre Funktion als Opium fürs Jungvolk. Pop, wo er nur dazu einlädt, sich einen fingerdicken Joint zu drehen und beseligt den visuellen Schnickschnack auf der Bühne anzustarren, weil sich im eigenen Kopf nichts mehr abspielt, wird gemeingefährlich.

Das Gefährlichste, das Pink Floyd selber aufzubieten hat, ist ihr liebenswürdiges rosanes Wildschwein (ein Eber genaugenommen). Wenn es aus dem Bühnenhintergrund nach vorn gezogen wird und über den ersten Reihen schwebt, kann es richtig böse aus seinen Scheinwerferaugen funkeln. Aber schon wabern wieder Unendlichkeitsklänge ins All, die vertraute Ermattung breitet sich aus, alles ist gut, so wie es ist, solange ihr uns nur unsern Traum laßt.

Vielleicht ist Pink Floyd heute nicht mehr als ganz so große Gefahr einzuschätzen, weil sich der gedichteschreibende Oberschüler nicht mehr unbedingt als Sozialschädling nützlich machen muß; er kann genausogut Informatiker oder Betriebswirt werden. Damit wäre diese Computermusik zurückgekehrt dorthin, wo sie hergekommen ist, in die Maschine.

"A Momentary Lapse of Reason" heißt die neueste Platte der Gruppe, doch die Vernunft ist mit Pink Floyd auf Dauer ausgefallen. Der Schaden, den die Propheten der selbstzufriedenen Nichtigkeit in der Musik und in den Köpfen ihrer Hörer über die Jahre angerichtet haben, ist vermutlich nicht wiedergutzumachen.