Der zweite Wahlgang bestätigte die Ergebnisse des ersten vor zwei Wochen: Die Regierungskoalition in Warschau, obwohl per Vorabsprache mit der Mehrheit in den beiden Kammern der Nationalversammlung ausgestattet, wird nur noch vom eigenen Lager unterstützt; die oppositionelle Solidarnosc, zur Minderheit in der Parlamentsvertretung gestutzt, repräsentiert die Mehrheit der Bevölkerung. 99 von 100 frei gewählten Senatorensitzen errang das Bürgerkomitee Solidarnosc.

Nur in Pila konnte sich nach einem amerikanisch geführten Wahlkampf der wegen Veruntreuung von Geldern aus der Partei ausgeschlossene Henryk Stoklosa durchsetzen. Von den der Opposition zugedachten 161 Sitzen im Sejm gewannen die Kandidaten des Bürgerkomitees alle Plätze.

Die Partei steht hilflos vor ihrem Pyrrhussieg: Zwar hatte sie sich am runden Tisch eine Zweidrittelmehrheit im Sejm gesichert, doch über welche Macht vefügt eine solche Majorität, wenn sie kaum Wähler hinter sich weiß? Nur dort, wo noch Kandidaten der Solidarnosc zur Wahl standen, übertraf die Wahlbeteiligung fünfzig Prozent, andernorts lag sie oft sogar unter zehn Prozent.

Nicht unbeeindruckt von dem Ausmaß ihrer Niederlage, sucht die Partei nun Solidarnosc zur Mitverantwortung zu bewegen. Das Politbüro-Mitglied Marian Orzechowski wiederholte die Aufforderung von Parteichef Wojciech Jaruzelski, zur Lösung der Krise sei die Opposition zu einer Regierungskoalition verpflichtet.

Doch Lech Walesa sieht das Bürgerkomitee Solidarnosc nicht als Mitgestalter künftiger Regierungspolitik, sondern als kompromißbereite Parlamentsopposition. Denn solange das System noch von einer unbeweglichen Nomenklatura beherrscht wird, kann und will Solidarnosc nicht mitregieren. H.H.