Von Jim Hoagland

OST-BERLIN. – Nietzsche lehrt, daß die Erinnerung zuerst wachruft: „Dies habe ich getan.“ Am Ende jedoch schlägt sie in Stolz um und in die Erklärung: „Ich kann dies nicht getan haben.“ An diesem vierzigsten Jahrestag der Entstehung zweier deutscher Staaten aus der Asche des Zweiten Weltkrieges schwankt die deutsche Nation zwischen Erinnerung und Stolz, Beschwörung und Verdrängung.

Auf der westlichen Seite der Berliner Mauer zielt die vorherrschende Stimmung darauf, zu vergessen und andere vergessen zu lassen. Der Stolz erweist seine betäubende Kraft. Die Westdeutschen wollen endlich die Last der Schuld am Kriege abwerfen und die fortdauernden Spuren der Besetzung, die aus diesem Kriege folgte, verwischen.

Hier in Ost-Deutschland ist dagegen alles auf Erinnern getrimmt. Dahinter stehen allerdings nicht moralische Erwägungen, sondern die Machtfrage: Die kommunistische Führung der DDR klammert sich an die Geschichte, um daraus ihre Legitimität abzuleiten. Angesichts der unberechenbaren Entwicklungen, mit denen kommunistische Regime in Peking, Moskau und Warschau konfrontiert sind, stellt die Führung in Ost-Berlin auch weiterhin die Erblast Hitlers und den Nachlaß Stalins heraus, denn dies sind die tragenden Pfeiler ihrer Macht.

Aus ihrem Kampf gegen Hitler und der brutalen Verfolgung durch die Nazis leiten Erich Honecker und seine Führungsgenossen moralisch das Recht ab, westlich-demokratische Freiheiten zu verwerfen. Und ständig ermahnen sie ihre sowjetische Vormacht, ja nicht von der Verpflichtung, Deutschland geteilt zu halten, abzugehen.

In einem langen Gespräch in der vergangenen Woche sagte Honecker geradeheraus, was Europäer und Amerikaner, die seine Überzeugung teilen, nur hinter vorgehaltener Hand flüstern: Deutschland dürfe nie wiedervereinigt werden, weil dies unweigerlich eine Gefahr für den Frieden bedeuten würde. Wiedervereinigung, so Honecker, sei „eine Träumerei am Kamin“. Dahinter steht natürlich sein eigenes Machtinteresse. Denn Honeckers Regime könnte nicht überleben, wenn die „Träumereien am Kamin“ je Wirklichkeit würden.

Honecker zufolge, der die kommunistische Partei der DDR seit achtzehn Jahren mit Geschick und Durchhaltevermögen führt, lastet Hitlers Erbe unverrückbar auf dem deutschen Volk, das dafür mit ewiger Teilung bezahlen muß. „Niemand“, sagt Honecker, „kann ein Interesse daran haben, daß in der Mitte Europas wieder ein Staat entsteht, der nur schwer kontrolliert werden kann.“