Firma Aldi versorgt mich mit zeitgemäßem Proviant (drei Dosen Brause, zwei eingeschweißte Mini-Salami, eine Packung Müsliriegel in Plastikfolie, eine Tafel Schokolade in Alu). Dann schnalle ich mein Fahrrad vom Dachgepäckträger.

Die Mittagshitze lastet unter dem blauen, wolkenlosen Himmel, auf dem ein paar Düsenflugzeuge ihre Kondensstreifen ausdrücken. Da oben sind jetzt die rasenden Reporter unterwegs. Hat man je von einem radelnden Reporter gehört?

Die ersten Kilometer lege ich an der Bundesstraße zurück. Wroooamm, wrrrrooammm, wroooaaamm. Hoffentlich fährt mich keiner über, bevor ich die Autobahn erreiche. In Kaisborstel, einem kleinen Dorf, das auf der Aral-Autokarte schon gar nicht mehr verzeichnet ist, biege ich in die Schulstraße ein. Hier geht niemand mehr zur Schule. Schüler fahren zeitgemäß Bus in die Nachbarstadt. Und in der ehemaligen Schule wohnt ein deutscher Dichter. Ich klingele, unangemeldet.

Günter Kunert öffnet die Tür, einen Telephonhörer am Ohr, und bedeutet mir, ich solle eintreten. Der junge Mann in kurzen Hosen setzt seine sonnenölverschmierten Oberschenkel vorsichtig auf einen samtbezogenen Sessel des Dichters, der immer "ja, ja, ja" sagt, weil der Grüne Bundestagsabgeordnete am anderen Ende der Leitung offenbar zu ganz richtigen Einschätzungen gelangt.

Es sei um die Grünen und die Vergangenheit gegangen, sagt Kunert mir, nachdem er aufgelegt hat, und ich frage ihn, wie er die Autobahn findet, die in Zukunft anderthalb Kilometer hinter seinem Haus ein akustisches Gegengewicht zur Bundesstraße bilden wird. "Katastrophal", sagt er, "weil das immer eine Katastrophe ist, wenn Landschaft zerstört wird." Dabei sei die Autobahn für ihn noch von Vorteil, weil die Bundesstraße, die er "Todesstrecke" nennt, vom Schwerverkehr entlastet würde. Natürlich habe er damals gegen die Trasse unterschrieben, als Nachbarn mit dem Protest-Aufruf zu ihm gekommen seien, "aber sehen Sie, in Kaisborstel die hundert Leute, solange das nicht hunderttausend sind wie auf dem Platz des himmlischen Friedens, solange ändert sich nichts". Beim Einbiegen mit dem Auto von der B 204 in die Schulstraße habe er jedesmal Angst, daß ihm hinten einer reinkracht, und Fahrradfahren auf den kleinen Wegen ringsum? "Da rasen die jungen Leute, oft betrunken." Beim Abschied überlegt er, man müsse sich ein Pony halten, um dann mit einem Gespann ins nahe Schenefeld zum Einkaufen ... "Aber die Bundesstraße!" werfe ich ein. "Viel zu gefährlich", gibt er mir zu.

Lange nichts mehr von Kunert gelesen, kommt mir in den Sinn, als mich der kräftige Ostwind nach Hadenfeld hineinschiebt. Überall, so scheint es, wird hier gewalzt und geteert. Das Dorf als Autobahn-Peripherie. Eine Umgehungsstraße für den Zubringer muß her, dazu ein Radfahrweg, wo man früher gemütlich in der Mitte der Fahrbahn umhergondeln konnte. "Hadenfeld ist nachher ein Dorf, wo nichts mehr durchkommt", sagt Lisa Heuer, Bauersfrau, die mich an ihren Küchentisch gebeten hat und die Umgehungsstraße nicht schätzt. Was die Autobahn aber angehe, "da sind die meisten Leute vielleicht wohl schon dafür, nehme ich an". Wenn sie über die Ansichten der Dorfbewohner spricht, äußert sie sich viel in Vermutungen, woraus ich schließe, daß in Hadenfeld schon lange nicht mehr der eine für den anderen sprechen kann. "Der Zusammenhang geht immer’n bißchen mehr weg", sagt sie. Kein Dorfkrug mehr seit ein paar Jahren, kein Laden mehr seit anderthalb Jahrzehnten. Fahrende Höker kommen vor’s Haus gebrummt, und "unsereins", sagt Frau Heuer, "kauft in Schenefeld ein, wo’s am günstigsten ist, schnell mal nach Aldi", mit dem Auto natürlich.

Das Schlafzimmer der Heuers, der Autobahn zugewandt, ist vorsorglich schon dreifach verglast, "aber wir hören jetzt die Feuerwehrsirene ganz schlecht". Dann erzählt sie noch von ihrem Sohn, der wie fast alle Hadenfelder auswärts arbeitet, und daß er "zur Zeit" die zwanzig Kilometer nicht mit dem Auto fahre, sondern mit dem Moped, und sie nickt, als ich den Führerschein als Grund errate.