Über den Horizont der Brücke schieben sich drei Frauen ins Blickfeld. Ich schließe Bekanntschaft mit Herta Sühlsen, 80, ehemaliger Rotkreuzschwester aus Kiel, die nun irgendwo zu Füßen der Brücke wohnt, und ihrer Schwester Gretchen Vollert, 79, sowie Sophie Eckmann, 77, aus Eggstedterholz. Die drei haben Mühe, ihre Kopftücher zu bändigen, und haben doch gegen den Wind den Weg ganz nach oben mit dem Fahrrad geschafft. "Wir wollten mal gucken", erklären sie fröhlich, "noch kann man ja."

Auf der rechten Fahrbahn tut sich auch was. Hans und Christel Cordts aus Hohenwestedt sind die zwanzig Kilometer mit dem Auto hierhergefahren, um mit ihrem Besuch aus dem Sauerland zu Fuß die Autobahnbrücke zu erklimmen. "Das ist einmalig", findet nämlich Herr Cordts. Die Autobahn sei nötig, er spricht vom "Anschluß". Dithmarschen "muß logistisch erschlossen werden, weil sich das Land hier sonst entvölkert". Sein Besuch, Andreas Bahr, ein junger Mann, ergänzt, dies sei "im Sinne des Bundesraumordnungsplans". Ich staune über das Wort, und Herr Cordts sagt stolz: "Er hat gerade Abitur gemacht." Gibt es hier eine parallele Bundesstraße, möchte Andreas wissen, und die Frau fragt, wo es nach Sylt gehe. Herr Cordts steht Rede und Antwort nach Kräften. Ich bin begeistert: echte Infrastruktur-Touristen. "Wo kommen Sie genau her?" frage ich den Abiturienten. "Aus Arnsberg", antwortet er, "A 46, wenn Ihnen das was sagt, auch umstritten, das Land der tausend Berge, hat man mitten durchgepeitscht."

Ohne daß ich trete, überschlagen sich die Zahlen auf meinem digitalen Tacho: Mit 52 Sachen rausche ich die Piste hinunter, jetzt bloß nicht stürzen. Nicht weit von der Brücke, in Schafstedt, steht ein Bauernhof querab, nur durch ein Feld von der Trasse getrennt.

Alfred Todt sitzt bei Günther Sothmann in der Küche, zwei Bauern beim Bier. "Krach wird’s geben, klar", meint Nachbar Todt, "reine Gewohnheitssache." Sie sind beide angetan von der Autobahn, "wie viele arbeiten nicht in Hamburg, Itzehoe, Pinneberg, Elmshorn", und am Wochenende, die ganzen Touristen. Herr Todt hat Verständnis für die Menschen, die in Hamburg im Hochhaus leben: "Die haben freitags um drei Feierabend, da sagt der Mann: ‚Los Mutters‘, und zack rin und dann hin. An der See hat man Platz. Man muß sich wundern, was selbst im Winter da noch spazierengeht." Nein, nein, "alle wollen schnell vorankommen, und dann über die Autobahn schimpfen, das geht nicht los". Immer mehr Verkehr, dafür hat Herr Todt nur ein Wort: zeitgemäß. Herr Sothmann ist seiner Meinung, ist aber froh, daß er nie wegfährt: "Wir wohnen hier vernünftig. Was sollen wir an der See?"

Und die riesige Brücke, in deren Schatten nun Schafstedt liegt? "Das Ortsbild, tja", sagt Herr Todt, "der Hang wird mal grün, die Kinder wachsen damit auf, die kennen das nachher gar nicht anders, das gehört dann dazu."

Gibt es im Dorf denn gar keine Gegner der Autobahn? "Oooaah", lehnen sich beide lächelnd zurück. "Sie müssen hier mal nebenan zu Herrn Peters gehen. Der hat Unterschriften gesammelt und will jetzt sein Haus verkaufen." Sie berichten von Rechtsanwälten und Aktenbergen, und daß ihr Nachbar manchmal zu weinen beginne, wenn das Gespräch auf dieses Thema komme, "aber da muß man sich nichts bei denken".

Die Sonne duckt sich bereits nach Westen hin, als ich die letzten hundert Meter mein Fahrrad durch Lkw-Spuren schiebe. Erst hatte der grobe Asphalt aufgehört, dann wurden die Schichten darunter erkennbar, die Alu-Planken waren nicht mehr montiert, sondern lagen als lose Teile in der Mitte, und an den Seiten im weichen Sand reihten sich Kanalisationsrohre auf. An den Fundamenten einer Brücke in Tensbüttel-Röst komme ich nicht weiter. Ein riesiger Kran langt in die Höhe, geradevor geht es durchs Feuchtgebiet nach Heide. Da verläuft die Autobahn im absoluten ökonomischen Nichts, nicht mal kleine Wege führen hin. Die Autofahrer werden davon später nichts bemerken.