Bei den sowjetisch-amerikanischen Verhandlungen will Präsident Bush neue Akzente setzen

Von Christoph Bertram

Vor sieben Monaten saßen Amerikaner und Russen sich zuletzt in Genf gegenüber. Anfang dieser Woche hat nun die elfte Runde der Verhandlungen über das strategische Wettrüsten auf Erden und im Weltall begonnen.

Am Ende der ersten Runde waren beide Seiten sich angeblich zu achtzig Prozent einig, ein gemeinsamer Vertragsentwurf – „dick wie das Telephonbuch von Manhattan“, sagt ein amerikanischer Regierungsbeamter – lag vor, wenn auch noch mit weißen Flecken und Klammerdefinitionen übersät. Aber jetzt, da die Gespräche wieder beginnen, zeigt sich, wie sehr die Welt sich seither gewandelt hat: Die Verhandlungen stehen nicht vor einem raschen Abschluß, sondern erst am Anfang einer neuen, noch ungewissen Phase. Vor Ende 1991, heißt es in Washington, sei kaum mit einem fertigen Abkommen zu rechnen.

Zunächst: Die Realität hat sich verändert. 1988 noch waren die sowjetisch-amerikanischen Verhandlungen ein herausragendes Ereignis: Andere nennenswerte Abrüstungsaktivitäten gab es kaum. Aber seit Anfang März dieses Jahres verhandeln in Wien die Mitgliedstaaten der Nato und des Warschauer Paktes über viel Wichtigeres: Waffen, die im Gegensatz zu Atombomben auch tatsächlich militärisch eingesetzt werden können. Panzer, Kanonen, Flugzeuge sollen in Ost- und Westeuropa auf gemeinsame Höchstgrenzen herabgestutzt werden. Und diese Verhandlungen machen erstaunliche Fortschritte.

Umstrittene Überwachung

Zum anderen: Der Stellenwert der atomaren Rüstungskontrolle für die Ost-West-Beziehungen hat sich geändert. Mit der Erkenntnis, daß die Bedrohung abnimmt, verlieren auch die Waffen an politischem Gewicht. Rüstungskontrolle ist heute weniger zur Vermeidung eines – höchst unwahrscheinlichen – Krieges erforderlich, als vielmehr nötig, um Geld zu sparen. Das legt es nahe, die – teuren – konventionellen Truppen und ihre Ausrüstung zu kürzen, nicht aber die – verhältnismäßig billigen – Atomwaffen.