Dokumentation

Wir hören schrille Töne aus Ländern, denen wir uns freundschaftlich verbunden wissen. Verwundert und verwirrt sehen wir uns mit Angstträumen konfrontiert, die mit unseren Hoffnungen nichts zu tun haben. Ein Gesamtdeutschland, dem Westen abgewandt, der europäischen Bindung müde, im Bunde mit der Sowjetunion auf dem Wege zur ökonomischen Hegemonie in Zentral- und Osteuropa, ein Viertes Reich, aus der Asche der Nato erstehend – solche Befürchtungen sind offenbar auf einem anderen Stern angesiedelt als unsere Hoffnungen. Sie haben auch nichts zu tun mit dem Willen derer, die heute vor 36 Jahren auf die Straße gingen.

Wie kommen ernsthafte Kommentatoren ausgerechnet jetzt zu solchen Angstvisionen?

Jetzt, am Ende der achtziger Jahre, lockern sich überall ideologische Bindungen, nationale Bindekräfte und Antriebskräfte werden wirksamer. Der Marxismus-Leninismus hat nationale Konflikte nicht überwinden, er hat sie nur aufstauen können. Polen und Ungarn besinnen sich auf ihre nationalen Traditionen. Nationale Spannungen drohen Jugoslawien zu sprengen. Die baltischen Völker pochen auf Eigenständigkeit. Nationale Konflikte am Kaukasus und am Kaspischen Meer streifen den Rand des Bürgerkriegs. Es brechen nationale Gegensätze auf, die schon in den Nationalstaaten des letzten Jahrhunderts angelegt waren. Das gilt auch für Westeuropa, für Flamen und Wallonen, Schotten und Iren, Basken und Bretonen.

Ich teile die Meinung derer, für die es in einer Welt der Ozonlöcher, der sterbenden Meere und Wälder Wichtigeres gibt als nationale Wünsche oder gar Vorurteile. Aber wir werden auch das menschenwürdige Überleben aller nur erreichen, wenn wir die ganze Wirklichkeit, also auch nationale Realitäten, im Blick haben ...

Neu – und für mich ermutigend – ist, daß nationale Identifikation sich heute nicht mehr notwendig an Nationalstaaten festmachen, auch nicht auf den Nationalstaat zielen muß, daß sie oft an weit ältere Bindungen anknüpft. Es könnte sogar sein, daß die europäischen Nationalisten von zwei Seiten her erodieren: von der Europäischen Gemeinschaft her, und, gewissermaßen von unten, von den regionalen Traditionen, Sprachen, Dialekten und Kulturen her...

Nation ist nichts Unzerstörbares, Nationen werden und vergehen, aber eben nicht durch Beschlüsse von Gipfelkonferenzen oder Parteitagen. Bezogen auf uns Deutsche: Zu unserer Nation gehört, wer sich dazugehörig fühlt. Und dieses Gefühl, zusammenzugehören, ist nach wie vor lebendig, in der DDR sogar stärker als in der Bundesrepublik. Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was etwa im Baltikum oder in Jugoslawien brodelt, und dem, was in Deutschland geschehen könnte. Ob Slowenen, Serben und Kroaten in einem Staate leben wollen, ist allein ihre Sache. Die Wände, die sie allenfalls zwischen sich aufrichten können, berühren nicht die Statik des europäischen Hauses. Die häßliche Wand aus Eisen und Beton, die 1945 durch Deutschland gezogen wurde, hat mehr mit der Statik dieses Hauses zu tun, als uns lieb ist. Wer sie abreißen will, muß die Statik des ganzen Hauses neu durchrechnen, möglicherweise das ganze Haus umbauen. Was aus Deutschland wird, interessiert alle Europäer...