Ansichten und Moden wechseln mit solch atemberaubender Schnelligkeit, daß ihnen selbst der quicke Zeitgeist kaum zu folgen vermag. So gelang es kürzlich einer guten Freundin, mit wenigen Sätzen mein Weltbild flugs um 180 Grad zu drehen.

Stolz hatte ich mit meiner frisch erworbenen Ischia-Bräune auf dem Hamburger Flughafen gesessen und für diesen Nachweis genossenen Urlaubsglücks bewundernde und neidische Blicke kassiert, als diese Dame nahte und mich konsterniert wissen ließ, daß braun endgültig out sei und diese Tönung weniger mit Prestige als mit peinlicher Protzerei zu tun habe. Blaß sei in, und daran sollte sich halten, wer auf sich hielte.

Nun, ich würde darüber hinwegkommen, daß mich die Lady des Hinterwäldlertums geziehen hatte. Doch dann dachte ich weiter. Ich dachte an die deutschen Reiseveranstalter. In ihren Kontoren mußte Katastrophenstimmung herrschen. Was sollte nur aus ihnen werden, wenn diese Anti-Braun-Parolen weiter um sich griffen? Wenn die Menschen gar den Dermatologen Gehör schenkten, die zunehmend penetranter vor den Folgen intensiven Sonnenbadens warnten? Ja, wußten diese Damen und Herren denn nicht um die bedrohlichen Konsequenzen ihres Unkens? Um die wirtschaftlichen Einbrüche, die einem ganzen Wirtschaftszweig drohten, die ihn gar in den Ruin treiben konnten?

Hatte uns diese Urlaubsbranche nicht jahrzehntelang die Sonne sozusagen zu Füßen gelegt, sie uns zu unglaublich niedrigen, schärfstens kalkulierten Pauschalpreisen fast geschenkt und sie dennoch zur gewinnträchtigen Basis ihres gut florierenden Tourismusgeschäftes gemacht?

Die Folgen waren nicht auszudenken: Spanien, adios, Tunesien, ade, Kanarische Inseln sowieso, Bermudas, bye-bye und Florida, never again. Menschenleer würden die Teutonengrills rund ums Mittelmeer daliegen, gähnende Leere in den Bettenburgen von Benidorm und Almeria – Endzeitstimmung.

Doch dann sagte ich mir, daß man getrost den Innovationen der versierten Sonnenkönige vertrauen dürfe. War es ihnen nicht immer wieder gelungen, eine überraschende touristische Wende herbeizuführen? Hatten sie dem Urlauber nicht aus dem Wanderschuh aufs Mountainbike, aus dem Swimmingpool aufs Surfbrett geholfen? Man würde künftig anstelle des sonnigen Südens ganz einfach den nebligen Norden preisen. Glücklich nun die Länder, die sich ihres Dauerregens rühmen konnten. Wohl dir, düsteres Britannien, trübes Island, wir kommen, welch eine Zukunft für Grönland on the rocks!

Gewiß, man würde die Marketingstrategie ändern und neue Parolen in Umlauf setzen müssen, das Gegenteil des Bisherigen gelte es nun zu preisen und zu promoten. Animation müßte sich an neuen Zielen entzünden. Erwerben Sie, geschätzter Feriengast, ein Regen-Zertifikat in England; gewinnen Sie den ersten Preis für ein Urlaubsdia mit der weltweit am tiefsten hängenden Wolkendecke. Verzagen Sie nicht, wenn der Wetterbericht mit einem Azorenhoch droht, sondern brechen Sie fröhlich auf zur Sightseeingtour durch Europas sonnenfreie Katakomben, buchen Sie einen Langzeitaufenthalt in Deutschlands Tropfsteinhöhlen.