Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral: Wir westlichen Barbaren haben zum Essen einfach die falsche Einstellung — und selbst unsere berühmtesten Feinschmecker machen sich viel zuwenig Gedanken über die ethischen Dimensionen der Nahrungsaufnahme. Eine Nudelsuppe beispielsweise ist halt eine Nudelsuppe. Schmeckt sie fad, dann darf man sie mit Maggi verfeinern. Ist sie versalzen, raucht man eben statt dessen eine Zigarette.

Die Japaner hingegen verehren ihre Nudelsuppe, und manchmal sprechen sie sogar zu ihrer Nahrung. Vor dem Essen streichelt der Japaner mit den Stäbchen zärtlich über die Oberfläche der Suppe. Dann legt er das Schweinefleisch, das in keiner Nudelsuppe fehlt, beiseite und entschuldigt sich beim toten Schwein. Dann sammelt sich der Japaner, preßt alle Konzentration in die Geschmacksnerven — und jetzt erst darf er von der Suppe schlürfen. Das Essen ist ein Akt der Andacht in Japan, ein Ritual, ein Gottesdienst — und deshalb können die Japaner auch problemlos ein Kochbuch zum Drehbuch umfunktionieren. Ein kulinarischer Film: "Tampopo" handelt vom Hunger, auf Essen und mehr. Deshalb setzt sich der Film auch nicht aus Akten zusammen; "Tampopo" ist eher aufgebaut wie die Speisenfolge eines Menüs. Erst gibts was Leichtes, um den Appetit anzuregen. Die dicksten Brocken werden in der Mitte serviert — und der Nachtisch ist ein rechter Schmarren.

Eines Nachts verschlägt es den Lastwagenfahrer Boro ins Nudelsuppen Restaurant der Witwe Tampopo. Von der Witwe ist Boro ganz angetan, vor der Nudelsuppe aber graut es ihm. Boro bietet der Frau seine Hilfe an, und gemeinsam forschen sie nach dem besten Nudelsuppen Rezept aller Zeiten. Sie schnuppern an den Töpfen der Konkurrenz, sie befragen Fachleute aller Art, sie vertiefen sich mit großem Eifer in die Philosophie der Nudelsuppe. Nach mancherlei Rückschlägen und Magenverstimmungen erreichen sie ihr Ziel. Aber natürlich gibt es in "Tampopo" auch ein Leben jenseits der Nudelsuppe.

Sex und Essen sind das gleiche, behauptet die Werbung für "Tampopo" — und tatsächlich ist der Film voll von Belegen für diese These: Ein Baby saugt voller Hingabe an der Mutterbrust; ein Mann kauft einer Taucherin eine frische Auster ab, und der Anblick der schleimigen Meeresfrucht macht ihn so verrückt, daß er sofort über die Taucherin herfallen muß. Der Film ist voll von solchen kleinen Schweinereien, die mit der Handlung nichts zu tun haben, sondern Beilagen sind — wie das Fleisch in der Nudelsuppe. Eine kurze obszöne Szene aber gibt es, die kann uns zwar auch nicht den Film erklären, liefert aber wertvolle Hinweise aufs Wesen des japanischen Denkens und der japanischen Bilder: Ein Mann und eine Frau beim Liebesspiel. Er hat ein Ei aufgeschlagen und den Dotter in den Mund genommen. Sie öffnet ihre Lippen, er läßt den Dotter in ihren Mund gleiten. So geht es eine Weile hin und her — und als der Dotter endlich platzt, da löst das keine pornographischen, sondern eher kalligraphische Assoziationen aus. Das Eigelb zerfließt, und aus der Flüssigkeit formt sich ein Ideogramm, ein fernöstliches Schriftzeichen. Was aber will uns dieses Zeichen sagen?

Rätselhaft ist die Schrift der Japaner, und ebenso rätselhaft ist die japanische Wirklichkeit. Die strikt gastronomische Interpretation des Films kann folglich nur zu vorläufigen Ergebnissen führen. Zwar hat man anfangs den Eindruck, die Kamera schaufle sich durch die Schauplätze wie ein Kochlöffel durch den Suppentopf. Aber später beginnt man zu ahnen, daß die Bewegung der Kamera eher einem Pinselstrich gleicht, daß also die ganze Inszenierung vor allem ein grammatikalisches Problem ist. Die Erotik in diesem Film ist auch nur ein System von Zeichen, die Nudelsuppe transportiert verschlüsselte Botschaften — und wir Westler hocken vor der Leinwand wie Analphabeten vor der Tageszeitung.

Ich habe versucht, das Geheimnis der Nudelsuppe zu entschlüsseln. Die Übersetzung heißt: GRTZLWÖQPT. Vielleicht sollte man Wolfram Siebeck um eine Interpretation bitten.