Von Michael Sontheimer

Ein türkischer Patriarch, den Bauch gewichtig hervorgestreckt, Frau und Kinder in angemessenem Abstand folgend, nähert sich einem Händler, der Werkzeug feilbietet. „Was kostet?“ Er deutet mit herrischer Gebärde auf einen Satz Bohrer. „Zwei und halbe Mark“, antwortet der Pole. Der Türke macht eine wegwerfende Handbewegung und wendet sich wortlos ab. Dann schlendert er weiter über den staubigen Platz, auf dem Hunderte von Händlern zwischen den steinernen Relikten eines Bildhauer-Work-Platz, und Müllbergen ihre Ware auf Plastikplanen und Zeitungen ausgebreitet haben.

Die Philharmonie leuchtet golden vor den Baumkronen des Tiergartens, mit Walkmen bewaffnete Rollschuhfahrer ziehen ihre Kreise um die Nationalgalerie, bleiche Akademiker huschen, ob des geschäftigen Treibens sichtlich irritiert, in die Staatsbibliothek. Inmitten des Kulturforums, nur einen Steinwurf von der Mauer entfernt, hat sich seit Anfang dieses Jahres ein bizarrer Basar etabliert. Die Händler sind allesamt Polen, so ist er denn als „Polenmarkt“ zu einem festen Begriff geworden. Gleichzeitig entpuppte sich der neue Ost-West-Handelsplatz nicht nur als eine touristische Attraktion, sondern wurde auch Gegenstand öffentlicher Debatten in den Lokalzeitungen.

Auf dem ärmlichen Areal wurden 1938 noble Bürgerhäuser niedergerissen, um Platz für Albert Speers gigantomanische Planung der Welthauptstadt Germania zu schaffen. Das anschließend aufgemauerte Haus des Fremdenverkehrs wurde nie fertiggestellt, sein Torso nach dem Krieg abgetragen. Jetzt sind sie da, die Fremden. Tag für Tag stehen Polen in langen Reihen vor ihren Plastikreisetaschen, aus denen Wodkaflaschen und Marlboro-Kartons ragen. Eine Stange Zigaretten fünfzehn Mark, ein Liter bester polnischer Wodka fünf Mark. Ein Berliner Prolet, der letzterem bereits kräftig zugesprochen zu haben scheint, echauffiert sich. „Is doch allet Müll, wat die Polacken hier verkoofen.“

Die Türken, die den überragenden Teil der Kundschaft ausmachen, sehen das offensichtlich nicht so. Sie schätzen den Polenmarkt, weil er verblüffend billig ist. Für fünfzig Pfennige gibt es eine Tube „Krema Nivea“, eine Tüte Karamelbonbons oder ein Paar Kindersocken. Viele Waren made in China werden angeboten: hundert Gramm schwarzer Tee aus Schanghai eine Mark, ebenso vier Tischtennisbälle, eine Digitaluhr für drei Mark. Höhere Preise werden für russische Photoapparate oder Ferngläser verlangt, besonderes Interesse bei den Türken erregen pompöse Kristallvasen oder mit Rosen-Dekors überladene Geschirrservice. Solche Geschmacklosigkeiten der fünfziger Jahre harmonieren trefflich mit der türkischen Freude an der Übertreibung.

Die Verständigung ist allerdings schwierig. Wenn die deutschen Brocken nicht ausreichen, wird mit den Fingern gehandelt. Ein junger Mann, der eine Flasche rumänischen Champagner für fünf Mark loszuschlagen versucht, ist einer der wenigen, die ein paar Worte Deutsch sprechen. „Ich komme aus der Nähe von Stettin“, erzählt er. „Das ist ganz nah, mit dem Zug nach Ost-Berlin und dann über Friedrichstraße.“ Er arbeitet in einer Elektrofabrik und hat sich für ein paar Tage Urlaub genommen, um seinen Monatslohn von 70 000 Zloty (das sind schwarz umgerechnet 35 Mark) ein wenig aufzubessern. Der junge Arbeiter – er trägt wie die meisten seiner Landsleute einen Jeansanzug, stonewashed – will die verdiente

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