Mit Prozessionen und viel Bier feiert Paderborn seinen Schutzpatron Liborius

Von Cornelia Filter

Gebannt starren alle auf das Bierfaß am Fuß der Festzeltbühne. „Der macht’s heute zum ersten Mal“, sagt eine elegante Dame skeptisch zu ihrem Mann. Die „Bayernkapelle“, die in diesem Jahr aus Österreich kommt, stimmt einen deutschen Marsch an. Der, „der’s heute zum ersten Mal macht“, zieht das Jackett aus, krempelt entschlossen die Hemdsärmel hoch, bindet sich eine Lederschürze um, nimmt den Zapfhahn in die Linke und den Holzhammer in die Rechte und – schlägt zu. Photographen springen zur Seite, Kellner gehen in Deckung, die Brezelverkäuferin schützt ihre kunstvolle Fönfrisur mit einem Tablett. Doch nichts geschieht. Der befürchtete Bierregen bleibt aus. Bürgermeister Herbert Schwiete (Lehrer, CDU), der zwei Jahrzehnte lang das „Libori-Faß“ angestochen hat und nun abgetreten ist, hat einen würdigen Nachfolger gefunden: Der Schlag von Willi Lükes (Lehrer, CDU) sitzt.

„Der Neue kann es genauso gut wie der Alte“, sagt die Dame zufrieden zu ihrem Mann. Wie viele ehemalige Einwohner der ostwestfälischen Stadt Paderborn kehren die beiden alljährlich am vorletzten Samstag im Juli zurück und ins „Bayernzelt“ ein. Sie wollen sich davon überzeugen, daß wenigstens in Paderborn alles so bleibt, wie es immer schon war.

Die österreichische Kapelle spielt nun das original-bayerische Lied „Oans, zwoa, gsuffa“. Dieser Aufforderung leisten die meisten bereitwillig Folge, zumal es im Zelt tropisch heiß ist. „Tauwetter für Dicke“, stöhnt ein schwergewichtiger Mann, der sich mit seinem Krug einen Weg zum Bierfaß bahnt.

Draußen schieben sich die Menschen über den „Libori-Berg“, der eigentlich „Le-Mans-Wall“ heißt, vorbei an Lebkuchenherzen, auf denen „Dein Bienchen“ oder „Alter, brumme nicht!“ steht, vorbei am „Kuriositäten-Kabinett“ („Wildes Fleisch, Ausschlag, Aussatz, Syphilis und eine 500 Jahre alte abgehackte Hand – absolut einmalig in Europa“), vorbei an den obligatorischen Schieß-, Los- und Eisbuden, vorbei am Autoskooter, an Geisterbahn und Riesenrad und an der Attraktion des Jahres: „Inferno – die größte transportable Katastrophensimulationsanlage der Welt“.

Dem weitverbreiteten Vorurteil „In Paderborn läuten die Glocken, oder es regnet“ setzen die Einheimischen selbstbewußt „Nix Dorf!“ entgegen. Schließlich hält in die kleine Stadt einmal im Jahr ganz Europa Einzug, dann wenn die Paderborner „Libori“ feiern, den Namenstag ihres Schutzpatrons: mit Messen und Prozessionen, mit einem Jahr- und einem Pottmarkt, mit einem internationalen Folklore-Wochenende und vor allem mit viel Bier.