ZDF, Montag, 26. Juni, 22 Uhr: „Von der Trümmerzeit zur Postmoderne“, Dokumentation von Hermann Glaser und Hans-Christian Huf

Wohin treibt die Bundesrepublik?“ fragte Karl Jaspers in einem Buchtitel von 1966. Wohin treibt sie heute, fragen die Autoren dieses Films, wohin ihre „über vierzigjährige freiheitliche Kultur“? Freiheitliche Kultur – was ist damit gemeint? Ein bestimmter kultureller Inhalt, oder bloß die Abwesenheit von Zensur? Die Frage kommt im Film nicht vor, die Zeit ist knapp: Fünf Schlußworte sind noch zu halten in den letzten zwei Filmminuten. Also: Quo vadis, bundesdeutsche Kultur? – Und wie Kreuzchen auf Fragebögen geben die befragten Prominenten knapp und griffig ihre Statements ab. (Dies zum Beispiel ist bundesdeutsche Kultur: Umfragen statt thematischer Vertiefung, pluralistisch gemixtes fast food statt gründlicher Erwägung.)

Und dann wird in diesen Schlußworten doch angetippt, worüber es sich weiter nachzudenken lohnte. Volker Schlöndorff: „Jedenfalls steuert sie [die Bundesrepublik] nirgendwo hin; eine schwimmende Insel. Ob sie ’ne andere Rolle erfüllen könnte, fragt man sich schon manchmal.“ Ralf Dahrendorf: „... die große Schwäche, daß sie Neuerung und Veränderung im Grunde nicht liebt.“ Günter Grass: „Trotz aller Versäumnisse und falscher Gleisstellungen ist in der Bundesrepublik eine Gesellschaft entstanden, die sich doch weitgehend vom überlieferten Untertanengeist und von der bloßen Machtverherrlichung unterscheidet.“ August Everding: „... wir sollen uns bloß nicht treiben lassen.“ Lauter große Worte, die zu überprüfen wären. Doch das Fernsehen läßt sich nicht anhalten. Wie durch einen Computer rasseln die ausgefüllten Fragebögen durch den Zuschauer hindurch, er tastet sie ab und registriert: wir schwimmen, wir schwimmen nicht, wir schwimmen. Und dann ist der Film aus.

Es bleibt das Gefühl, daß alles das vorgekommen ist, was in einer kurzgefaßten Kulturgeschichte der Bundesrepublik mindestens vorkommen muß. Dieser zweite Filmteil setzt ein bei der Nitribitt und dem Auto-Fetischismus: „Ankommen, aussteigen, anschauen, weiterfahren.“ Die documenta: Kunst als Ware; das neue Theater: Kortner als Erneuerer. Ein paar alte Werbefilme, und: „Die Straßen sind gesund, wenn der Verkehr fließt.“ Achtundsechzig, und: Mao, der Schah, Fidel, Che Guevara, Dutschke, die große Koalition, die Apo, Peter Weiss, es ist nichts ausgelassen. Und zu jedem Bild paßt ein Spruch – Penck: „die Erfüllung des Farbigkeitsbedarfs der High-Tech-Gesellschaft.“ Uff! So viel geschichtete Kultur.

Irgendwann hatte Günter Grass von seiner Befürchtung gesprochen, die deutsche Kultur könnte die deutsche Spaltung nicht überleben; irgenwann hatte man Adorno zitiert mit seiner Befürchtung, die deutsche Kultur sei in Auschwitz gestorben. Doch schon ist ein neues Almanachblatt aufgeschlagen – aussteigen, anschauen, weiterfahren. „Wir sollen uns nicht treiben lassen“ – was für ein herrlicher Doppelsinn. Martin Ahrends