Von Theo Sommer

Sind wir wieder wer? Als „Partner in der Führung“ bezeichnete der amerikanische Präsident Bush die Bundesrepublik Deutschland, eine „Schlüsselrolle“ im Ost-West-Verhältnis wies ihr der sowjetische Präsident Gorbatschow zu. Die Bundesrepublik ist kein politischer Zwerg mehr – ins Negative oder ins Positive gewendet, bestimmte dieser Befund die jüngsten Kommentare der Weltpresse.

Sind wir wirklich wieder wer? Wenn ja: Welches Gewicht haben wir in der Weltpolitik, welchen Einfluß, wieviel freie Hand? Mit welchen Ängsten unserer Nachbarn müssen wir rechnen, auf welche Hoffnungen dürfen wir bauen?

Kein Zweifel, die Bundesrepublik ist ein wirtschaftliches Schwergewicht. Sie ist mit einem Bruttosozialprodukt von 1206 Milliarden Dollar (1988) die drittgrößte Industrienation der Erde, und mit einem Ausfuhrvolumen von 323 Milliarden Dollar die größte Exportnation – größer als Japan oder die Vereinigten Staaten. Darin liegt unbestreitbar Stärke. Doch ebenso unbestreitbar liegt darin Verwundbarkeit. Wer ein Drittel seines Sozialprodukts ausführt, ist abhängig vom Funktionieren fremder Märkte. Er ist stark nur so lange, wie die Partner nicht schwach werden. Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsmacht und politischem Gewicht bleibt heikel. In der Weltpolitik bemessen sich Macht und Einfluß und Rang eines Landes nicht unbedingt nach seiner ökonomischen Kraft.

Politisch ist die Bundesrepublik eine Macht zweiter Ordnung. Sie rangiert weit hinter den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Doch sie rangiert wohl vor Frankreich und Großbritannien (wenngleich deren karge Kernwaffenarsenale, beide auf das Wohlwollen und die technische Hilfestellung Washingtons angewiesen, und ihre nostalgisch verklärte Selbststilisierung den Blick auf die Wirklichkeit verstellen). Sie rangiert auch vor Japan, das sich bis heute schwertut, eine politische Rolle zu finden, die über bloße Marketing-Interessen hinausreicht.

Aber dieser herausragende Rang trägt der Bundesrepublik nicht viel ein. Das hat zum einen damit zu tun, daß die westeuropäischen Staaten heute allesamt einzeln viel zu klein sind, um eine große Rolle zu spielen. Sie müssen ihre Kraft bündeln, wenn sie etwas zuwege bringen wollen; selbst der größte Zwerg vermag allein nichts. Zum anderen aber ist es bedingt durch die besonderen Gegebenheiten der deutschen Geschichte und der deutschen Geographie.

Die Deutschen sind in der Mitte Europas immer eine kritische Masse gewesen, ganz gleich, ob sie zerstückelt waren oder vereint. Waren sie schwach, führte dies ihre Nachbarn in Versuchung, über sie herzufallen; waren sie stark, fielen sie selber über die Nachbarn her. In der Fortdauer der harschen Teilung Deutschlands mögen viele im Ausland einen Risikofaktor sehen, doch eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten käme ihnen nach aller geschichtlichen Erfahrung noch bedrohlicher vor. In dieser Zwickmühle wird die deutsche Frage unlösbar – es sei denn, eine menschlich erträgliche Form der staatlichen Teilung ließe sich unter einem Ost und West überwölbenden europäischen Dach einrichten.