Ein Notruf aus der Kaserne: Die Bundeswehr braucht unsere Hilfe. Wer spendet Russenplatten?

Mißtrauisch sind wir Journalisten von Berufs wegen. Was wird uns nicht alles von irgendwelchen Verrückten ins Büro geschickt? Was kommt da nicht alles auf den Tisch? Täglich erreichen uns Briefe mit den absonderlichsten Anliegen und Behauptungen. Auch sind wir Journalisten satirekundig. Denn wenn wir uns, gequält den Berg der Post betrachtend, zwischen den ernüchternden Nachrichten des Tages für einen Augenblick zerstreuen wollen, greifen wir gern zur Titanic.

Ein Redakteur jenes Magazins war es, der mit verbundenen Augen Buntstifte lutschte und vorgab, an ihrem Geschmack die Farbe erkennen zu können – wetten daß ...? Da hatte sich, verriet der Redakteur später seinen Lesern, doch jemand einen Jux machen wollen, hatte mal sehen wollen, wie die vom ZDF darauf reagieren, und dann haben die ja tatsächlich auf diesen Schwachsinn geantwortet. Millionen von Fernsehzuschauern waren schwer beeindruckt, und wir waren es mit ihnen. Seitdem sind wir noch mißtrauischer und noch satirekundiger.

Deshalb wollten wir erst auch gar nicht glauben, was wir schwarz auf weiß in einem Brief lesen konnten, den uns dieser Tage der Chef des Bataillons für psychologische Verteidigung aus der Krahnenbergkaserne in Andernach geschickt hat. Da steht:

"Sehr geehrter Herr Stock, in der Zeit Nr. 20 berichten Sie unter dem Titel ,Rock ’n’ Rubel – Begegnung mit sowjetischen Musikern’ u. a. über die Rockband ‚Display‘ des Boris Grebenschikow und deren Hit ‚Challenger‘. Ferner erwähnen Sie, daß Sie im Besitz einer Bandkopie dieses Titels sind. Das PSV-Bataillon in Andernach hat u. a. den Auftrag, im Verteidigungsfall über Rundfunk Informationssendungen für sowjetische Soldaten auszustrahlen. Dabei wird es wichtig sein, unseren Hörern ein ansprechendes Programm anzubieten – auch was die Musik anbetrifft. Aus diesem Grunde möchte ich Sie bitten, dem Bataillon eine Kopie des ‚Challenger’-Titels zur Verfügung zu stellen. Sollten Sie Rückfragen haben, so können Sie sich mit meiner Informationszentrale in Verbindung setzen (Tel. 02632/40 171, App. 309). In der Hoffnung keine ‚Fehlbitte‘ getan zu haben, danke ich für Ihre Bemühungen und bleibe mit freundlichen Grüßen Bernhard Ickenroth, Oberstleutnant."

Zunächst wollten wir uns halb totlachen, dann schnürte es uns die Kehle zu. Ein ansprechendes Programm – wenn die Panzer rollen, die Raketen fliegen, die Atompilze ihre Glut aufs Land ergießen. Nein, das konnte doch nicht wahr sein, dieser Brief kam gewiß nicht von unseren Streitkräften.

Doch der offizielle Briefkopf (mit Sendemast in braun und blau), die Banderole des maschinell frankierten Umschlags ("Bundeswehr"), der typische Behördenstempel als Absenderangabe – da muß sich einer der Jungs von der Titanic-Crew schon viel Mühe gegeben haben, um uns irrezuführen.