NDR III, donnerstags, "extra drei"

Der NDR produziert mit seinem extra drei das Programm der Zukunft – wenn wir, ausnahmsweise, der Zukunft was zutrauen wollen. Mit den privaten Sendern kam die Konkurrenz und mit der Konkurrenz die Programmreform. Was durch sie verloren zu gehen droht, was schon verloren ist, wissen wir – aber gibt es nicht auch begrüßenswerte Folgen?

Theoretisch ja. Zu ihnen zählt die Spezialisierung. Wenn eine Sendeanstalt nicht mehr alles machen muß, wenn der Unterhaltungsteppich aus Quiz-Quark, Rockpop und Seifenopern von den Privaten breit genug ausgerollt wird, können die gebührenfinanzierten Anbieter sich das Besondere leisten. Einstweilen ringen sie noch hart auf den Populärfeldern um Einschaltquoten, in ihren Studios und Büros aber spitzen die Spezialisten schon die Bleistifte. Neue Ideen beginnen meist mit einem kleinen Publikum und erobern erst später die Mehrheit.

extra drei wäre der Prototyp einer "besonderen" Sendung: Je kleiner – noch – das Publikum, um so feiner die Aussichten, wenn die Vorteile der Konkurrenz produktiv zu Buche schlagen, extra drei mischt Berichterstattung, Kommentar und Satire, Humor, Kritik und Information zu einer Schau, die ihre Liebhaber verdient. Das Kopfschütteln, das diese Sendung hervorruft, eine Übersetzung des Seufzers: "Wohin nur treibst du, Welt?" in Körpersprache, tut unmittelbar wohl, als flögen durch solches Schütteln überlebte Fragezeichen und Vorurteile aus dem Kopf und zum Fenster hinaus. Diese Wochenschau fängt das allfällige Erstaunen des Fernsehkunden über die Vernunftlosigkeit der Welt freundlich ab und auf durch diese Botschaft: Hören wir auf, Ordnung und Sinn zu unterstellen, vielleicht wird dann der Wirr- und Wahnsinn deutbar – und unterhaltend. Also geschieht es. Ob Gerhard Quack einen Film über die auf den Weltmeeren versenkten Atomfrachten annonciert oder Rudi Lauschke eine Recherche nach der Herkunft des Nato-Schießpulvers – es stammt zu über fünfzig Prozent aus dem Ostblock – stets bietet die Wochenschau aktuelle Extras, und sie bleibt dabei so schön trocken. Wer ein Beispiel sucht für eine "ernste" Sendung, die das Kurzweiligkeitsgebot des Fernsehens überzeugend statt bloß übereifrig erfüllt, der schalte ein: Nord III am Donnerstag abend. Wenn er nicht zu müde ist.

Sie wußten wohl nicht, was sie taten, die Programmgestalter, als sie extra drei aus der prime time in die Nachtstunden verlegten: Sie bringen sich um ihre eigene Zukunft. Nun haben wir den Kabelsalat, die Programmflut und die den Marktprinzipien zu verdankende Windschnittigkeit unserer Sendungen – jetzt wollen wir auch das Positive: das ganz Besondere, und zwar um acht! Wer um Himmels willen betreibt da Sabotage am Fernsehen von morgen? Wer scheucht die letzten Optimisten ins Lager Kassandras? Einschaltquoten bilden immer nur den Ist-Zustand ab. Die Präferenzen von morgen fangen heute klein an.

Barbara Sichtermann