Von Rolf Zundel

Im Grunde hatte ich gehofft, irgend jemand anders werde schon darüber schreiben, über Horst Zockers Geschichte und die Erfolgsstory der Anonymen Alkoholiker, ich jedenfalls nicht. Aber nun ist das Büchlein nach einigen Umwegen und nach höflich-verlegenen Absagen – "Ich kann nichts damit anfangen, wollen Sie nicht..." – doch bei mir hängengeblieben. Und ich bin daran hängengeblieben.

Die Geschichte ist ja auch ein wenig peinlich, denn sie handelt von einem Kollegen, einem Alkoholiker. Und eigentlich redet man nicht davon, jedenfalls nicht öffentlich. Aber dieser Horst Zocker hält sich einfach nicht daran. Und man reagiert so ähnlich wie auf einen Zeugen Jehovas, der an der Gartentür mit unnachgiebiger Direktheit fragt, ob man an Gott glaubt. Man antwortet freundlich, kauft ein Heftchen, legt es beiseite und wartet, bis man es vergessen hat.

Warum also habe ich Zockers Bekenntnisse nicht ebenso verschwinden lassen? Ich bin nun einmal – weshalb, weiß ich nicht – kein Alkoholiker. Und die Anonymen Alkoholiker (AA) sind für mich eine fremde Gesellschaft, auch wenn mich Berichte über ihre Treffen manchmal an Gruppensitzungen von früher erinnern, auch an den unangenehmen Zwang, offen und herzlich zu sein, ehe ich noch den Mantel ausgezogen hatte. Im Grunde weiß ich nichts über die AA, obgleich ich nach Lektüre und Gesprächen ziemlich sicher bin, daß sie eine ungewöhnlich nützliche Organisation ist, die Millionen von Menschen geholfen hat und die Unterstützung verdient.

Mich interessiert nur Horst Zocker, und er jedenfalls hat die AA gebraucht. Das genügt. Und außerdem, wenn ich mir vorstelle, ich müßte ihm erklären, warum ich gepaßt habe, aus gut erwogenen Gründen, versteht sich, und er guckt mich so erbarmungslos verständnisvoll an – nein, das denn doch lieber nicht.

Natürlich ist das Büchlein gut geschrieben. Wie da gleich zu Beginn das Aufwachen eines Alkoholikers geschildert wird, dem der Faden gerissen ist, und wie aus dem dumpfen Chaos der Gedanke an die Flasche aufsteigt, Gestalt gewinnt und übermächtig wird; wie die AA ihr Jubiläum im Olympiastadion von Montreal feiern, 50 000, fröhlich strahlend, herzlich: So setzt ein Profi die Kontraste. Wie die eigene Geschichte mit der AA-Organisationsgeschichte verwoben wird, wie die Fakten – 2,5 Millionen behandlungsreife Trinker in der Bundesrepublik – locker eingestreut werden: gekonnt, gekonnt.

Aber deshalb hat mich Zockers Bericht nicht angerührt. Was mir unter die Haut ging, war etwas anderes: die Geschichte hinter dem flotten Journalismus, dieser immer wieder unterbrochene Weg zur Ehrlichkeit mit sich selbst, das mühsame Vordringen zu dem Satz, mit dem für einen entscheidenden Augenblick alle Entschuldigungen, alle Rechtfertigungen, alle klugen Theorien weggefegt wurden: "Ich kann nicht mehr."