Ludwig van Beethoven: „Vier Klaviersonaten“

Das gewaltigste pianistische Œuvre steuert Maurizio Pollini sozusagen im Rückwärtsgang an: Nach der geschlossenen Publikation des Spätwerkes (1977) greift er nun, in gebührendem Abstand, auf die mittlere Periode zurück, beginnend mit der „Sturm“-Sonate d-moll op. 31 Nr. 2. Die läppische Beifügung nimmt er im Kopfsatz allzu wörtlich: Sekundiert von einer beinahe rüden Direktheit der Audiotechnik donnert er nach den jeweiligen Largo-Akkordbrechungen los, als gelte es in Sachen Ohrenbetäubung neue Rekorde aufzustellen. Daß ihm offenbar pralle Klangeffekte (bis zur Schmerzgrenze) mehr Anreize bieten als inhaltliche Vertiefung, wird ungeachtet der raffiniertesten Schattierungen in den zentralen Rezitativen (die er durchgehend pedalisiert) unüberhörbar demonstriert. Oberflächenglanz bietet selbst das sperrige Adagio. Befriedigt wird der Experte erst im Finale, das zuweilen in Cembalo-Nähe gerückt erscheint. Ganz anders hingegen in Instrument und Equipment die „Waldstein“-Sonate C-dur op. 53: Keine akustischen Verzerrungen, nicht einmal in der Stretta des Rondos, trüben hier das unnachahmliche Spiel des Italieners. Im feurigen Elan wie im aberwitzigen Beherrschen aller Ausdrucksvaleurs übertrifft er sich selber. Das gelingt ihm wiederum leichter in der Beiläufigkeit der G-dur-Sonate op. 79 („Sonate facile“) als in der Tiefe von „Les Adieux“ (Es-dur op. 81 a). Pollini at bis best! (DG 427 642) Peter Fuhrmann

Bonnie Raitt: „Nick of Time“

Den Titel der Platte mag mancher vielleicht als Wunschdenken interpretieren, zur rechten Zeit kommt Miss Raitts Album Nr. 10 trotzdem. Nach zwei, gemessen am eigenen Standard wohlgemerkt, etwas schwächeren Platten ist „Nick of Time“ das fast schon trotzige Comeback in ganz großer Form – Rückkehr zu den Blues-Anfängen des Debüts von 1971 zum einen und zumal in den Balladen von einer so diskreten wie überwältigenden Emotionalität, daß man nach ihren Liebesliedern süchtig werden kann. Das einmal bei Fred McDowell abgeschaute Bottleneck-Spiel hat sie längst mit so virtuosem Raffinement weiterentwickelt, daß Kollegen nur mehr ehrfürchtig von ihr sprechen, wenn die Rede auf Bonnie Raitts Künste an der Slidegitarre kommt. Kostproben davon bietet fast jeder Song auf „Nick of Time“, auch ihre Interpretation von John Hiatts „Thing Called Love“, wo sie sich immerhin dem Vergleich mit dem Besten des „Fachs“ aussetzt. Wer die Musikerin vor wenigen Monaten bei ihren Auftritten mit Little Feat in Europa erlebt hat, wird sich trotzdem fragen: Warum bringt sie nicht endlich ein Live-Album heraus?! Auf Konzertbühnen spielt sie über alle technische Bravour hinaus buchstäblich noch entfesselter. (Capitol CDP 791 268) Franz Schöler