Von Reinhard Baumgart

Gleich die erste Szene setzt ein Zeichen: In einem fast dunklen Raum, erhellt nur von ein paar Rembrandtschen Lichtflecken, bewegen sich zwei Schatten, zwei Menschen. Der eine, Lopachin (Michael König), dehnt schwer die verschlafenen Glieder, spricht stoßend und heiser, knarzt und brabbelt, der andere, das Stubenmädchen Dunjascha (Helga Pedross), fliegt hektisch und huschend, murmelnd und gedämpft auch schreiend wie ein aufgeschrecktes Hühnchen über die Bühne. In dieser Exposition trägt der Abend nicht etwa wie eine Fahne seine Absichten vor sich her, doch er demonstriert schon seine Materialien, seine Musik und seine Methoden. Dieses bleierne, melancholische In-sich-versunken-Sein, diese flatternde, flackernde Aufregung werden wir immer wieder erkennen.

Als dann die Ranewskaja mit Anhang in ihr nächtliches Haus einzieht, wird die Partitur der Bewegungen und auch die Musik der Laute, mit Jauchzen, Seufzen, Hundegebell, Murmeln, Kichern und Schnarchen sich zum ersten Mal al fresco ausbreiten. Man ist überreizt, übernächtigt und überwach, in einem Zustand herrlicher Unzurechnungsfähigkeit. Man übertreibt, man theatert, man badet in Wortduschen. Das Sich-Umarmen und Herzen, das Streicheln und Bewundern, diese emotionale Wirrnis will einfach kein Ende nehmen.

"Das Kinnnderzimmmer!" hat die Ranewskaja, hat Jutta Lampe als erstes Wort fast singend ausgerufen, wieder ein Signal. Auf Kinderstühlchen, ans Kindertischchen setzen sie und ihr Bruder Gajew (Peter Simonischek) sich in diesem ersten Akt immer wieder, wenn die beiden Schutz suchen gegen die Zumutungen einer unbegreiflichen, doch real existierenden Erwachsenenwelt, die ihnen ihr Puppenheim und vor allem ihren schön nutzlos blühenden Kirschgarten zu rauben droht. Als sie im vierten Akt den gleichen, doch von allen Möbeln, allem Zierat schon entblößten, also unkenntlich kahlen Raum verlassen, sind sie immer noch zwei schluchzende, verängstigte Kinder.

Doch damit haben wir in Peter Steins Inszenierung schon ziemlich voreilig und vorlaut ein paar Klarheiten hineingelesen, die der Regisseur uns lieber verweigern möchte. Denn der verliert sich zunächst, so scheint es auf den ersten, faszinierten und auch verstörten Blick, in einem schier undurchdringlichen Reichtum von lebendigen Details, die zwar alle reden und reden, gestikulieren und gestikulieren, aber auf Interpretationsfragen eben gerade keine Antwort geben. Die Aufführung scheint ihren Bewegungswirbel tatsächlich zu entfesseln auch als eine Fluchtbewegung. Sie will sich nicht greifen, nicht festnageln lassen, nicht verpflichtet werden auf Bedeutung. Dieser Trotz ist anstrengend, aber konsequent und auch imponierend.

Dabei riskiert der zweite Akt dann einen entschiedeneren Zugriff, schon im Bühnenbild. Für den Anfang hatte Christophe Schubiger ein verwinkeltes Durchgangszimmer gebaut, eine nicht sehr breite, schräg sich verengende Startbahn für Auf- und Abtritte, in deutlichem Kontrast zu den hohen, weiten Lichtwunder-Räumen, die Karl-Ernst Herrmann mit Vorliebe einrichtet. Durch verschmutzte Fenster blickt man auf die gespenstisch sich reckenden Kirschgartenbäume. Dieser unruhige und doch dösende Raum, schäbig abblätternd und doch schäbig gemütlich, entspricht nur zu einleuchtend dem Innenleben seiner Benutzer.

Dagegen wirkt das zweite Bild kälter: eine Landschaft ohne lockende Weite, ein Hügel mit Heuhaufen, dahinter im Kontrast eine Kapellenkuppel und Telegraphenmasten, insgesamt ein sanfter Hohn auf das Landidyll, das die von Moidele Bickel nun in weißem Leinen kostümierten Sommermenschen sich hier bereiten möchten. Auch das Spieltempo wird nun langsamer, kälter, die Darstellung verschärft sich satirisch. Doch diese Künstlichkeit und Stilisierung greift nur kurz. Etwas wie die Katerstimmung aus "Leonce und Lena" weht durch die Szene. Sobald Tschechows Text wieder reicher, diffuser wird, bricht auch Steins Wirbel der Einzelheiten wieder los.