Von Barbara Sichtermann

Der Kompromißfrieden, den unsere Gesellschaft mit der ältesten Geburtenkontrollpraxis der Welt geschlossen hatte, ist aufgekündigt, der Mutterleib aufs neue eine Front. Seit die CDU gleich nach Regierungsantritt am Paragraphen 218 deutelte, sind die Gegner der Indikationslösung zur Sammlung und Offensive übergegangen. Eine "Lebensrechts"-Bewegung aus verschiedenerlei Gruppierungen unter Medizinern, Juristen, Pfarrern, Eltern und Christdemokraten macht mit Etiketten wie "Helfen statt Töten", "Bewegung für das Leben", "Rainbow", "Aktion Lebensrecht für alle", "Pro Conscientia", "Christliche Demokraten für das Leben (CDL)" gegen die "massenhafte Tötung von Kindern" mobil.

Diese Bewegung hat sich zunächst, nicht ohne Erfolg, an eine Strategie gehalten, die ihr von den Architekten der Wende vorgeführt worden war: "Begriffe besetzen!" Wer die Losung ausgibt, bestimmt die Richtung, wer die Metapher findet, verpflichtet aufs Ziel. Die alten Fachtermini wichen gereralisierenden Verdikten, die dürren Idiome des Rechts dem saftigen Wortschatz der Erweckung. Was ist ein Fötus gegen "das Leben", ein Schwangerschaftsabbruch gegen "Tötung", was die Familienplanung gegen "das bedrohte Lebensrecht" und ein befruchtetes Ei gegen einen "lebendigen Menschen"? So heißt es denn auch in den Debatten um das geplante Beratungsgesetz nicht mehr, die Schwangere sei zum Austragen zu bewegen, sondern "zugunsten des Lebens" zu beeinflussen, und eine Fernsehsendung zum Schwangerschaftskonflikt leistet sich den Titel "Töten oder leben lassen?". Der Bundestag wird von "Rainbow" zur "Wahrung der Menschenrechte ungeborener Kinder" aufgefordert, und die CDL verlangt vom Gesetzgeber, den Paragraphen 218 in "Regelung zur Tötung von Kindern vor der Geburt" umzubenennen.

Nicht, daß die Sprache der Lebensschützer durch Neologismen und begriffliche Phantasie auffiele. Woran ihr liegt und was sie leistet, ist eine Verschiebung des Akzentes vom Spezifischen zum Allgemeinen, vom Funktionalen zum Emotionalen, vom Individuellen zum Kosmischen. Sie bezieht aus der überlegenen Vitalität der großen Worte ihren Schwung. "Schwangerschaftsabbruch" klingt flach und kläglich gegen die verbale Keule "Kinderholocaust", und die in der semantischen Unschärfe versteckte Anmutung, ein Abbruch sei reversibel, wie sie in der "Schwangerschaftsunterbrechung" mitklingt, wird autoritativ pariert von einem so eindeutigen Urteil wie "Mord". Neben der Dürre, Undeutlichkeit und Künstlichkeit der Begriffe, die den Abtreibungskonflikt in seinem aufgeklärten Verständnis umschreiben, klingt die archaische Dramatik der Lebensschutzsprache hart und unzweideutig. Was da im Bauche pocht, ist "Leben", und wer es beseitigt, der "tötet".

Die lebendige Wirklichkeit ist aber nicht unzweideutig. Sie ist schillernd, wirr, undeutlich – jedenfalls für unsere beschränkte menschliche Auffassungsgabe. Dieses Zugeständnis ist das Herz der aufgeklärten Erkenntniskritik und – gerade weil er schwankt – der einzig sichere Boden jedes Humanismus.

Das Denken unterm Schirm eines Prinzips, das nicht befragt werden darf, ist Merkmal des Fundamentalismus – sei er religiös oder weltlich, politisch oder ästhetisch, organisiert oder vereinzelt. Fundamentalisten sind keineswegs arm im Geiste – im Gegenteil, oft leisten sie enorme Denkanstrengungen, aber sozusagen in geduckter Haltung, denn an das Prinzip dürfen sie nicht anstoßen. Ihre scholastischen Deduktionen dienen vielmehr seiner Legitimation und seinem Ruhm – im Gegenzug spendet es Schutz und Sinn. Dieses vorkritische Denken ist geistesgeschichtlich längst erledigt. Aber da sieht man mal, wie wenig sich die wirre Wirklichkeit nach unserem Schema richtet. Der Fundamentalismus lebt weiter. Selbst in Gesellschaften wie der unseren, die aufgrund jüngerer Erfahrung mit der Intoleranz geheilt sein müßte, setzt er periodisch zu neuen Exerzitien an. Populär wurden hierzulande die grünen Fundis, denen nun wohl das Aus droht. Vom Dogmatismus der Neuen Linken blieb ferner die RAF, die noch im Knast ihrem Prinzip opfert. Und nun haben wir als jüngsten Vertreter des Fundamentalismus die Lebensrechtsbewegung: mit dem obligaten Sendungsbewußtsein sorgt sie für eine Fortexistenz des Mittelalters an der Schwelle zum dritten Jahrtausend.

Hier vereinen sich katholische Dogmatik, autoritär-konservative Gesellschaftsvorstellungen und Naturschutzeifer zu einer aggressiven Erweckungsbewegung. Das Fundament, um das es diesem Ismus geht, das Prinzip, dem er dient, heißt Leben, und der Paragraph 218 ist in seinen Augen das prominenteste Beispiel für die Indolenz der Gesellschaft gegenüber dem höchsten Prinzip. "Die nächste Generation wird mich fragen, was ich gegen die massenhafte Tötung von Kindern in dieser Zeit getan habe", heißt es, und "Abtreibung ist Mord auf Krankenschein". Der "Psalm eines Ungeborenen" beginnt so: "Aus der Dunkelheit schreie ich, Herr, zu dir!" und endet: "Von mir bleibt nichts übrig als das Mal des Kain an der Stirne meiner Töter."