Von Claus Leggewie

Voller Saal, zähes Diskussionsklima: Sie befinden sich in einer sozialwissenschaftlichen Anfängerübung. Ein Professor führt die Neuen in die Lehre von der Gesellschaft ein. Ein Student hat noch etwas auf dem Herzen: Was soll er antworten, wenn ihn am Wochenende Freunde und Verwandte daheim wieder fragen: "Was lernt ihr da eigentlich in Soziologie?"

Keine dumme Frage übrigens. Welche soziologische und nicht bloß technische oder administrative Phantasie und Kompetenz hält die heutige Gesellschaft für notwendig, damit die Erde, sagen wir im Jahre 2010 oder 2025 (oder auch schon morgen), nicht tatsächlich unbewohnbar wird wie der Mond? Von der Art jedenfalls, groß und zaghaft, waren in den vergangenen "Streikplena" und "autonomen Seminaren" die Fragen nach den Inhalten des Studiums. Sie werden nicht mehr mit bloßer Budgetaufstockung ruhigzustellen sein: Befreiung von der Überlast durch mehr (weiblichen) Nachwuchs und bessere Ausstattung der Hochschulen befreit nicht von der Last der offenen Fragen, für die die Studierenden vielleicht weniger "Niveau", gewiß aber mehr Gespür bewiesen haben als die meisten Prof(i)s der Sozialwissenschaften. Der "unübersichtlich" gewordenen Gesellschaft dämmert ein noch unklares Stadium jenseits des Industrialismus. Deshalb hungert sie nach Information und Reflexion über sich selbst. Ein Fall für uns, für die Sozialwissenschaften, denkt man.

Aber die drängen sich als neue Leitwissenschaften nicht gerade auf. Sie haben nach 1945 erst die Anfechtungen ihrer Feinde und dann seit 1968 ein stürmisches Wachstum überstanden und sich, wie sie gern und zu Recht betonen: konsolidiert – und stehen heute doch auf unsicherem Boden: Die klassischen Grundbegriffe des Sozialen werden fadenscheinig und die empirischen Daten schlecht wie rasch verderbliche Lebensmittel. Das "Untersuchungsobjekt" Gesellschaft macht sich selbständig, ja: Es zerfällt scheinbar zu Pulver. Klassen, Stände und soziale Milieus – alles ist in die Mühle der sogenannten "Individualisierung" geraten. Und was heute "Politik" heißt, wo die Souveränität der Staaten, die Konsistenz der Blöcke und die Handlungs- und Überzeugungskraft der Institutionen rapide dahinschwinden, ist genauso ungewiß. Produktive Verunsicherung? Nein: Business as usual heißt die Parole: Die Datensammlungen werden aufgestockt und die Theorien ausgefeilt – eine geschäftige Routine, die der Bamberger Soziologe Ulrich Beck zu Recht als "blinden Realismus" tadelt. Es stimmt: Wenn die "zivile Gesellschaft" heutzutage den sozialen Institutionen und politischen Veranstaltungen enteilt, dann gehören Soziologie und Politikwissenschaft, die doch immer so auf dem Quivive waren, gewiß mit zu den Nachzüglern.

Spezialisten fürs Allgemeine

Gleichzeitig hat eben diese Gesellschaft gelernt, sich "soziologisch" immer besser auszudrücken und selbst zu interpretieren. Selbst der Schnorrer, der einen in der U-Bahn anbettelt, liefert heute ungefragt eine lückenlose Privattheorie über seinen erlittenen Statusverlust mit, gegebenenfalls auch eine Kausalkette, die nun zwangsläufig zur Delinquenz führen wird, wenn der Angeschnorrte nicht zahlungswillig ist. So weit reicht die soziologische Aufklärung längst, bei den "einfachen Leuten" wie bei den Professionellen aller Sparten: daß alles von der Gesellschaft kommt und wir alle, auch die Täter, Opfer sozialer Verhältnisse sind. Also: Was müssen Sozialwissenschaftler außerdem noch können?

Rund 40 000 Studenten und Studentinnen der Sozialwissenschaften (hier im engeren Sinne: Soziologie und Politologie) sind derzeit eingeschrieben. Viele von ihnen kommen auch in die Uni und besuchen die angebotenen sozialwissenschaftlichen Seminare. Das sind für Außenstehende und Neulinge merkwürdige Veranstaltungen: ständig auf der Suche nach dem eigenen Thema, in einer Art selbstreflexiven Dauerschleife, mal gutdeutscher Scene-, mal hochgestochener Science-Jargon. Dabei wildern die Teilnehmer gern in den Wäldern der anderen Fakultäten (und "Fachidioten") und schrammen bisweilen hart an den Gemeinplätzen des akademischen Stammtischs vorbei: ein Jahrmarkt der "Interpretationen".