Von Katja Hassenkamp

Brausender Beifall klingt auf. Tief unten auf dem ovalen Sandplatz wirft sich der Torero in die goldbestickte Brust und seine Mütze hoch hinauf in die Ränge. Die Arena von Nimes zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Bis auf den letzten Platz mit Zuschauern besetzt, hat sich das Amphitheater wieder auf seine ursprüngliche Bestimmung besonnen: ein Ort des oft blutigen Spieles, der Freude und der Zerstreuung zu sein.

Erst im letzten Jahrhundert wurde der dreistöckige Bau in seiner früheren Form wieder hergestellt, wurden Bögen und steinerne Sitzreihen freigeschaufelt. Nach dem Untergang des Römischen Reiches hatten die Bürger der Stadt die Arena für eigene Zwecke in Besitz genommen und, um Schutz vor Eroberern zu finden, hinter den Mauern ihre Häuser errichtet. Ein Vorgang, den schon Franz I. bedauerte, Rousseau zeigte sich darüber entsetzt: „Dieses weite herrliche Rund wird von häßlichen, kleinen Häusern eingerahmt, und noch häßlichere und kleinere Häuschen füllen die Arena aus. Das Ganze wirkt wie ein großes Durcheinander, ruft Empörung hervor und erstickt die freudige Überraschung, die man beim Anblick dieses prächtigen Bauwerkes empfinden sollte.“

Flaubert hingegen, der das Amphitheater nach den Renovierungsarbeiten besichtigte, bot sich ein anderer Anblick: „Die Arena war leer, und man hatte meinen können, sie sei gerade verlassen worden. Die Ränge ziehen sich zum Amphitheater gestaffelt rundherum, damit jeder sehen kann – hier die Kaiserloge, dort, etwas tiefer gelegen, die Bänke der Patrizier, die Vestalinnen saßen gegenüber. Dort drüben die drei Tore, durch die Gladiatoren und wilde Tiere hereinsprangen – alles so, als ob sich seit 2000 Jahren nichts verändert habe.“ Tatsächlich liegt das Amphitheater zu normalen Zeiten leblos in der hellen Sonne, und nur die Schreie der Touristenkinder hallen unter den Bögen, deren weißer Sandstein sich gestochen scharf vom blauen Himmel abhebt. Um den grandiosen Bau nicht nur während der Sommermonate mit spanischer Corrida, provenzalischen Stierkämpfen, mit Opernaufführungen und Jazzfestivals zum Leben zu erwecken, wird winters ein Zeltdach über das Oval gespannt.

Der Stuttgarter Architekt Finn Geipel und der Pariser Nicolas Michelin haben eine aufblasbare elliptische Linse entworfen, die sich, auf Stahlpfeilern befestigt, über die unteren Sitzreihen der Arena spannt. Durchsichtige Planen schließen die Seitenwände. Damit ist der bis zu 8000 Plätze bietende überdachte Innenraum der Arena beheizbar. Begonnen wurde mit den Überdachungsarbeiten im vergangenen Oktober, und pünktlich zu Weihnachten konnte in der neuen „Halle“ eine großartige provenzalische Christmette zelebriert werden. Für die berühmte Pfingstferia von Nîmes baute man den ganzen Spuk wieder ab, und nun liegt die Plane bis zum kommenden Herbst auf Halde.

Dauerhafter soll die hypermoderne Mediathek genutzt werden, die gegenüber der ehrwürdigen Maison Carrée nach Plänen des amerikanischen Architekten Norman Forster entsteht. Ein heißumstrittenes Projekt aus Glas und Stahl, das, eine Art Centre Pompidou im Kleinformat und als regionales Medienzentrum, zusätzlich Touristenscharen nach Nîmes locken soll. Die Bauarbeiten haben bereits begonnen. Es bleibt abzuwarten, ob der hochtechnisierte Bau tatsächlich die vorausgesagte Symbiose mit dem 2000 Jahre alten Tempel der Adoptivsöhne des Augustus eingehen kann.

Was jahrzehntelang als typische französische Provinz galt, wird nun zu neuem Leben erweckt. Nîmes ruht sich nicht mehr auf seiner großen Vergangenheit aus, sondern stürzt sich auf breiter Front und mit Schwung in die Moderne. Überall schießen neue Projekte aus dem Boden. Im Süden der Stadt entstand eine eigenwillige Wohnanlage aus Glas und silberglänzendem Stahl, ein als „städtischer Überseedampfer“ apostrophiertes Experiment des sozialen Wohnungsbaus, das nach Meinung seines Architekten Jean Nauvel den Bewohnern optimale Platz- und Lichtverhältnisse sichern soll.