Ein gelungenes Rockkonzert ist eine Kulthandlung, die auf Ausschluß zielt: Nur wer dabei war, ist geweiht, gereinigt, nicht mehr von dieser Welt. Eine Band ist der Code, der die Eingeschlossenen zusammenschließt. In den zwölf Jahren ihres Bestehens hat die schottische Gruppe Simple Minds um den charismatischen Bandleader Jim Kerr ihren Code perfektioniert. Die Simple Minds sind eine Band für die Massen.

Wenn der weiße Vorhang fällt – ein schweres Wummern, die ersten Akkorde sind schon zu hören – steht Jim Kerr in einem weiten weißen Mantel auf einer erhöhten Plattform hinter den Schlagzeugern, biegt seinen Körper in Zeitlupe aus einer massiven, gebückten Haltung in den Stand, singend. Vierzehntausend Augen, ein Körper.

Kerr ist nur Sänger: Die ganze kultische Kraft, die bei anderen Bands auf die Präsentation der Gitarre geht, hat Kerr auf sich gezogen. Auf dem gewaltigen Sound der Band, die mit komplizierten Mischungen von akustischer, elektrischer und synthetischer Musik spielt, schwimmt seine Stimme wie ein Surfer auf der Brandung: kraftvoll und, aus der Ferne wahrgenommen, mühelos.

Dann ist Jim Kerr vorn, auf der weiten, glatten Bühne, die mit zwei großflächigen Podesten links und rechts wirkt wie die geschliffene Ruine eines geschleiften Tempels (der Grundriß als Relief). Kerr ist hier der Priester. In schnellen, hochkontrollierten Schritten jagt er im gleißenden Licht der Scheinwerfer über die Bühne, um plötzlich – wie gefangen – in Posen zu stoppen, deren Sinn sich oft nicht entschlüsseln läßt; und die um so magischer wirken. Der Mikrophonständer wird, kopfüber in die Diagonale gestürzt, balanciert wie eine Reliquie. Der Bassist und der Gitarrist, nach gängiger Regie rechts und links vom Bandleader plaziert, sind kabellos mit der Anlage verbunden, was mögliche Verstrickungen verhindert.

Kerr, der Magiker eines Kults namens Simple Minds, braucht aber das Kabel, um zum Beispiel das Mikrophon wie ein Lasso kreisen zu lassen. Seine Gesten sind ohnehin fast ausschießlich Kampfformen entlehnt: blitzschnelle Tritte, werfende Bewegungen der Arme, ein hektisches Vorstoßen des rechten Arms bei ausgestreckter Hand.

Das ist aber nicht der Hitler-Gruß. Denn Kern Bewegungen illustrieren nichts (auch nicht die eher banalen, selbstverständlich Herz-und-Weltumspannenden Texte); es sind unmotivierte Gesten, deren Dramaturgie – trickfilmmäßig – gerade in ihrer Montage besteht. Hier wird ein Kampf ausgefochten gegen Androiden, Polizisten und Straßengangs. Das Licht, mal gleißend-blau, dann wieder in warmen Farben, zitiert Filme von „Star Wars“ bis „Diva“.

Da der Gegner des musikalisch getragenen, aber nicht motivierten Kampfes abwesend ist, verstärkt sich die Vorstellung, Kerr führe einen Kampf gegen sich selbst – und den für alle. Für kaum mehr als einen Augenblick schafft man es, in der riesigen Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg, den Blick abzuwenden von dem elastischen Sportler-Tänzer Kerr, der nach gut zweieinhalb Stunden in der zweiten Zugabe „Sanctify Yourself“ singt. Kerr ist der Stellvertreter dieses Selbst, das hier monumental gefeiert wird – mehr nicht. Man kommt gar nicht auf die Idee, ihn der Egomanie, der Besessenheit von seiner Erscheinung, zu verdächtigen, so wie die zornigen Männer in Rock und Pop, Zappa oder Presley, die die Masse hassen oder fürchten. Kerr ist der gute Starke in einer psychologisierten Apokalypse. Sein Auftritt ist zwar nicht frei von Weltschmerz, aber von Düsternis.