Herrn Steiner, unserem alten Biologielehrer, würde sich der Magen umdrehen. Ein halbes Jahr lang bemühte er sich, uns das Nikotin zu verleiden, und quälte uns mit Berichten aus der Krebsklinik. Hier im Museum aber lächelt mich statt eines Krebsopfers Thomas Gottschalk an – in der Hand nicht den Hamburger, sondern eine Pfeife. Als „Pfeifenraucher des Jahres 1986“ pafft er neben dem Schauspieler Hans Clarin.

Wo das ist? In Husum in der Wasserreihe, jener Straße, in der Theodor Storm einst lebte. Das Storm-Haus schräg gegenüber ist der museale Anziehungspunkt für den kultursuchenden Touristen. Doch die jungen Besucher lockt ein meterhoher Zwerg ins Haus Nummer 52, ins Tabak- und Kindermuseum, in das sich manchmal auch Erwachsene verirren. Hier wurden vor 150 Jahren Tabakwaren hergestellt, den Rohstoff brachten Schiffe aus England.

Öffnet man die Eingangstür, hängt noch ein wenig vom alten Mief in der Luft. Die Türglocke scheppert im Dreiklang wie früher beim Krämer; ein Luftzug fährt durch die Tabakblätter, die unter der Decke hängen. „Sie kommen vor allen Dingen wegen des Kindermuseums. Wie viele Personen sind Sie?“ fragt eine sonore Stimme mit Berliner Akzent. Der alte Mann an der Kasse schaut uns an, während er die Münzen befühlt: „Ist das ein Fünfziger?“ Nahezu blind hütet er diese zwei Museen unter einem Dach. Da macht es auch nichts, daß die Bildröhre seiner Überwachungsanlage kaputt ist.

Statt der Augen verrichten die Ohren den Dienst. „Sie gehen zuerst die Treppe rauf und schauen sich das Kindermuseum im ersten Stock an. Dann gehen Sie die Treppe wieder herunter und gelangen ins Tabakmuseum“, fertigt er uns ab.

Emaille-Schilder begleiten unseren Treppenweg. Sie werben für Kaffee, Waschpulver und „Welthölzer“. „Deutschlands größtes Streich hölzer-Emaille-Schild“, werden wir durch eine handgeschriebene Tafel auf der 1,38 Meter mal 1,68 Meter großen, glänzenden Fläche belehrt. Daneben klebt der Papp-Deckel einer Pampers-Packung.

Oben dann das Chaos schlechthin: eine Rumpelkammer voller nostalgischer Alltäglichkeiten. Für unsere an geordnete Museumsverhältnisse gewöhnten Augen eine Herausforderung. Den Kleinen dagegen scheint diese Vielfalt zu gefallen. Marcel, der Dreieinhalbjährige, findet sofort, was ihn interessiert: eine Schulbank. Und die Teddybären, die an einer Leine unter der Decke baumeln.

Mehr als ein Dutzend Kinderwagen stehen nebeneinander und regen an zu philosophisch-soziologischer Analyse. Waren die Babys vor hundert Jahren kleiner oder wurde ihnen einfach weniger Platz zugestanden? Wäschestampfer und Waschbrett aus den zwanziger Jahren sind kurzerhand zum Windelstampfer und Windelwaschbrett ernannt worden, damit sie ihre Berechtigung im Kindermuseum haben. Marcel grübelt über einem zwei Meter langen Stock: „Ist das eine Angel?“ Sein Vater ist Binnenländer und muß auf dem Schild nachlesen, was es mit diesem Holz auf sich hat. „Kloot-Stock, mit dem Friesenkinder beim Spaziergang über die Wassergräben springen konnten.“