So wie einst die revoltierenden Strelitzen, jene blutrünstigen Leibgardisten des Zaren, ihre Opfer von den Kreml-Mauern in aufgerichtete Lanzen hinabgeworfen hatten, so präsentierten jetzt fünf Usbeken im Ort Jaipan einen Halbwüchsigen der meschetischen Minderheit auf ihre Spieße gebohrt. Das Mittelalter, in vielen von Rußland annektierten Teilen Mittelasiens und des Kaukasus nie wirklich überwunden, feiert Urständ: letzte Woche in Usbekistan mit rund hundert Toten, diese Woche in Kasachstan. Der Tod kommt über Greise, Frauen und Kinder mit der Sense und dem Dreschflegel, mit Äxten und Steinen, Schnellfeuerwaffen und Pepsi-Cola-Flaschen voller Benzin.

Hier explodieren nicht mehr nationale Spannungen allein. Hier versinken ganze Gebiete im Bürgerkrieg. Anarchie und religiöser Fundamentalismus triumphieren. Vieles kommt zusammen: der durch Stalins Umsiedlungen gesäte Völkerhaß, die jahrzehntealten sozialpolitischen Versäumnisse, die unter Breschnjew gewucherte Korruption mit ihren mittelasiatischen Metastasen vor allem in der usbekischen Baumwoll- und Drogen-Mafia.

Reformgegner aller Couleur machen sich die Konflikte zunutze. Der Haß läßt sich gegen beliebige Minderheiten lenken: gegen geschäftstüchtige Kooperativen oder Kaukasier, wie jetzt in Kasachstan, oder gegen die „türkischen“ Mescheten in Usbekistan. Aus „Türken raus“ wird „Russen raus“ – und damit scheint dann für manche Beobachter im Westen auch die Wurzel allen Übels gefunden.

Die Wirklichkeit ist freilich längst viel undurchsichtiger. Die Komsomolskaja Prawda hat darauf verwiesen, daß in Usbekistan die Operation „Mohn“ angelaufen war, bei der Sondertruppen im Kampf gegen das Drogengeschäft Hunderttausende von Hanf- und Mohnbüschen vernichteten. Die Operation läuft nicht mehr, die Truppen müssen die Mescheten schützen.

Wie können angesichts solcher Zustände die angestrebten Modelle für regionale Rechnungsführung funktionieren, mit denen Gorbatschow die drohende Wirtschaftskatastrophe abwenden will?

C. S.-H.