Auf dem Kanal herrscht hoher Seegang. Die Nachtfähre nach England stampft mühevoll ihrem Ziel entgegen, auf und ab, auf und ab, die Passagiere kämpfen mit der Seekrankheit. Während ich auf meinem Kunstledersitz kauere, versuche ich krampfhaft, die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken – vergebens. Das Schiff rollt unbarmherzig. Man müßte liegen können, schlafen. Doch die Rückenlehnen der Sessel sind nicht verstellbar. Sich quer über die Sitzreihe auszustrecken, verbieten fest installierte Armlehnen.

„Close your eyes and think of England“, empfahl schon Königin Victoria ihrer Tochter (der wohlmeinenden Mutter ging es damals allerdings um einen Tip für die Hochzeitsnacht der Prinzessin). Wie nützlich dieser Ratschlag auch immer gewesen sein mag, mir hilft er wenig. Auf diesen Sitzen ist es schlichtweg unmöglich, eine entspannte Körperhaltung einzunehmen: Zusätzlich zum rebellierenden Magen quält mich nach wenigen Minuten ein steifes Genick. Tief durchatmen. Doch die Luft ist zum Schneiden.

An der Wand entlang stolpere ich nach draußen. Bleichgesichtige Reisegefährten klammern an der Reling. Die Luft tut gut, doch der scharfe, eiskalte Wind treibt mich bald in den stickigen Innenraum zurück. Ich traue meinen Augen kaum: Meine Nachbarin liest, seelenruhig an einem Apfel kauend. Ob sie mir ihr Geheimnis verrät? Aber selbstverständlich, sie habe eine Reisetablette genommen. „Leider für Sie zu spät“, fügt sie bedauernd hinzu. „Das Medikament wird eine Stunde vor Reiseantritt eingenommen.“ Aber je flacher der Körper liegt, weiß die Expertin, desto besser erträgt man das Schlingern des Schiffes. Das weiß ich freilich; allein die Innenausstatter der Fähre schienen darüber nicht unterrichtet gewesen zu sein.

Doch mein Groll nützt mir und meinem Magen nichts. Mir bleibt nur eines: dem Beispiel der meisten Mitreisenden zu folgen und mich auf den Fußboden zu legen. Der starrt zwar vor Dreck, doch in der Not ... Die flache, ausgestreckte Lage wirkt Wunder. Wäre es nicht kleinlich, nun an vorbeirollenden Cola-Dosen, herumirrenden Pommes frites und Zigarettenkippen Anstoß zu nehmen?

Ich schließe die Augen, genieße die Entspannung. Zeit und Raum beginnen zu verschwimmen, Gegenwart und Vergangenheit werden eins, ein Traum vertreibt die Wirklichkeit: Ich bin auf einer anderen Fähre. Sie bringt mich von Südkorea nach Japan. Es gibt auf den Passagierdecks weder Stühle noch Sessel. Die Innenräume sind mit Teppichboden ausgelegt; niedrige Regale und Gänge aus Linoleum teilen sie in etwa sechs Quadratmeter große Parzellen auf, auf denen sich kleine Gruppen von Reisenden niedergelassen haben.

Asiatische Gesichter. Man sitzt auf dem Boden. Mitten im Dreck? Oh nein! Die Straßenschuhe wurden im Gang abgestellt, man hat sich eine der Wolldecken genommen, die sich in jeder Parzelle stapeln, und es sich darauf gemütlich gemacht; nun kann die Picknicktasche ausgepackt werden. Für den Abfall stehen quadratische Holzbehälter bereit; der Teppichboden ist und bleibt sauber. Ich teile meine sechs Quadratmeter mit einer Kanadierin und einem in Tokio studierenden Südkoreaner. Bald winken uns unsere Nachbarn heran: Habt ihr Lust, etwas mitzuessen? Ja, gerne. Wie wäre es mit einem hartgekochten Ei, etwas Kuchen oder Obst?

Als wir auf offener See stärkere Wellen zu spüren beginnen, entschließen wir uns gemeinsam für die Flachlage. In der Horizontalen ist bald jeder Anflug von Seekrankheit verschwunden. Die Kanadierin und ich staunen über diese wirksame und natürliche Methode, eine Seereise ohne Tabletten zu überstehen – der südkoreanische Student weiß gar nicht, wovon wir reden. Wir unterhalten uns noch eine Weile. Langsam werden wir müde, schließen die Augen.

„Aufwachen, wir sind da“, weckt mich meine Nachbarin. „Sehen Sie, die weißen Klippen von Dover.“ Im Menschenstrom an Land erzähle ich ihr meinen Traum, der eigentlich keiner war: Die Schiffsreise ins Land der aufgehenden Sonne hatte ich erst vor wenigen Wochen erlebt. Warum westliche Schiffsbauer dem fernöstlichen Beispiel nicht folgen können? Meine Reisebekanntschaft weiß eine kühne Antwort: „Vielleicht hätte die Pharmaindustrie etwas dagegen ...“ Victoria Langelott