Gerti, Gundel und Gina sind glückliche Kühe. Sie genießen die Morgensonne auf ihrer Weide, zupfen den Klee von der Wiese und traben bei Bedarf zu einer alten Badewanne unter dem Scheunenvordach, die stets frisch mit Wasser gefüllt ist. Mit 22 Artgenossinnen, einem handzahmen Bullen und den Kälbern leben die drei Milchkühe auf Hof Karlsburg in Sievershütten. Täglich werden sie von Bauer Hans Carstens liebevoll gekrault. Außerdem bekommen die Kühe nur Futter, das strengen ökologischen Richtlinien entspricht. Sie genießen alle Privilegien von Bio-Kühen.

Hans Carstens gehört der Hof Karlsburg, 35 Hektar Grund, Gebäude, Maschinen. Die Tiere aber sind nur zum Teil sein Eigentum. Denn der Bauer hat auf seine Milchkühe Aktien ausgegeben. Für hundert Mark können Verbraucher einen Anteil an der Herde des Bauern erstehen und bekommen dann zweimal wöchentlich frische Rohmilch direkt von der eigenen Kuh.

Zur Zeit gibt es rund 550 Aktionäre, die sich auf den Kuh-Handel eingelassen haben. Hans Carstens hat sie fast alle mit der Polaroidkamera photographiert. Viele Familien mit kleinen Kindern sind auf den Photos zu sehen, beim Streicheln einer Aktienkuh oder mit einem Glas eigener Milch in der Hand. Ab und zu will ein Aktionär beweisen, daß er mit seiner Kuh auch umgehen kann. So hat ein Hamburger, der Anteile für eine ganze Kuh geschenkt bekam, sie gleich selber gemolken. "Für zwei Liter hat der ganz schön lange gebraucht", schmunzelt Hans Carstens.

Die meisten Aktionäre sind allerdings lieber passive Kuheigner. Ihre Anteile können als Abart der vinkulierten Namensaktien gelten. Die Besitzer sind bekannt, die Rechtsstellung als Kuhhalter ist nur mit Zustimmung des Bauern übertragbar. Sogar Hauptversammlungen mit Mitspracherecht gibt es, die einmal im Jahr stattfinden und von einem großen Sommerfest begleitet sind. Zur Börsennotierung fehlt es den Kuhaktien zwar noch, doch dafür können sie ohne Kursverlust wieder an Hans Carstens zurückverkauft werden. Der junge Bauer hat den Hof in Sievershütten bei Bad Segeberg von seinen Eltern übernommen und ihn auf ökologischen Landbau umgestellt. Dann suchte er nach einem Weg, seine Bio-Milch möglichst direkt und unverarbeitet an die Verbraucher zu bringen. 1984 hat er die ersten Verträge vor allem mit Hamburger Familien geschlossen. Noch im selben Jahr gab es bereits hundert Euteraktionäre.

Mit den Kuhaktien hat Carstens einen neuen Weg gefunden, die strenge Milch-ab-Hof-Abgabenverordnung zu umgehen. Danach darf Rohmilch nämlich nur direkt vom Bauern an die Verbraucher gegeben werden und auch nur in kleinen Mengen. Wer Rohmilch in der Stadt kaufen will, muß zur teuren Vorzugsmilch greifen.

Doch die Aktionäre von Hof Karlsburg bekommen eben ihre eigene Milch geliefert. "Wenn einer eine Kuh im Garten hat, kann ihm doch auch niemand reinreden, wie er die melken muß", sagt Carstens. "In diesem Fall liegt keine Abgabe außerhalb der Betriebsstätte vor", bestätigt auch Harry Addicks-Höft vom Landratsamt in Bad Segeberg. Die Behörden haben Carstens und den Aktionären vor kurzem schriftlich bestätigt, legal zu handeln. Allerdings müssen bestimmte Hygienevorschriften eingehalten werden, die Anteilseigner müssen die Milch selber untereinander verteilen, und die Milch darf nur an die Aktionäre abgegeben werden.

Nicht so positiv steht das Bundesgesundheitsamt der Eigeninitiative des Bauern gegenüber. "Wir sehen bei Rohmilch schon Risiken, zum Beispiel können die Erreger von TBC oder Malta-Fieber in der Milch sein", gibt Hans Dieter Böhm vom Referat für Lebensmittelhygiene in Bonn zu bedenken. Hans Carstens glaubt eher, daß diese Bedenken von der Lobby der Milchverarbeiter geschürt werden. Rohmilch sei doch nicht schädlich, wenn die Tiere gesund seien.