Von Gerhard Spörl

Bonn, im Juni

Die Erde hat kurz gebebt. Die Bilder in den Kanzleien hängen schief, aber die Wände stehen noch. Die Erschütterten ordnen die Mienen und ihre Schreibtische notdürftig. Sie lachen leicht gequält, weil sie auf das Schlimmste gefaßt gewesen sind. Sie richten sich provisorisch wieder ein, das nächste Beben kann ja gar nicht ausbleiben.

Helmut Kohl wirkt gefaßt. In solchen schlimmen Niederlagen, von denen er weiß, daß sie zunächst folgenlos für ihn bleiben, findet er erstaunlich schnell die angemessene Einstellung und den richtigen Ton. Ohne Umschweife gesteht er die schwere Schlappe der Union ein. Er versucht gar nicht erst zu beschönigen, daß sich die Parteienlandschaft und die Mehrheitsverhältnisse dramatisch verändert haben. Er ist ratlos wie viele andere auch, wie seine Partei und die Regierung aus dem Dauer-Dilemma herausfinden sollen, das sich noch zugespitzt hat: Dem Land und den Leuten geht es ziemlich gut; die Bundesrepublik gewinnt an Gewicht – und die Regierung, die ihren Anteil an dieser Entwicklung reklamiert, ist zu Hause unbeliebter denn je.

Das ist die bleibende Besonderheit der Ära Kohl. Sie läßt sich mit seiner Person erklären und mit seinen Eigenheiten begründen. Aber das Dilemma läßt sich jetzt nicht mehr per Kanzlerwechsel aus der Welt schaffen. Wer sich in der Union in dieser Illusion gewiegt hat, dem ist sie am Sonntag geraubt worden.

Heiner Geißler treibt zwischen Defätismus und Aggressivität hin und her. Nicht zu Unrecht hat man ihm unterstellt, daß er Kohl am liebsten schon nach Ostern durch Lothar Späth ersetzt hätte. Jetzt ist der Stuttgarter noch weniger als zuvor die zündende Alternative. Die Vierzig-Prozent-Marge, über die er die CDU bundesweit gehievt sehen wollte, hat er selber gerade so erreicht. Die Bonner Kalamitäten ziehen auch die erfolgreichen Landesfürsten der Union herunter. Was bleibt nun anderes als Schicksalsergebenheit: Weiter so mit Kohl ins Verderben, oder irgendwie heraus.

Unter den Bonner Machtpolitikern ist Geißler der Unruhigste. Lieber eine falsche Bewegung konsequent gemacht als gar keine. Aber die große Lösung, die eine gewaltige Notschlachtung gewesen wäre, gibt es nicht, sondern nur einige kleine Lösungen von geringer Durchschlagskraft. So bleiben beide, was sie sind, Kohl ein unbeliebter Kanzler und Geißler sein umstrittener Generalsekretär. Erfolglosigkeit auf hohem Niveau verbindet.