Von Klaus Hartung

West-Berlin

Viel Aufmerksamkeit erregte sie nicht, die Gruppe von älteren Menschen, die sich kürzlich vor dem Eingang des Jüdischen Krankenhauses in Berlin versammelte. Vierzig Leute, allem Anschein nach aufgekratzt; sie sprachen Deutsch, Englisch und, im leiseren Wortwechsel, Hebräisch. Gruppenphotos wurden organisiert; Rufe nach den „Kindern“. Sie vor allem sollten photographiert werden. Kinder? Vier etwa fünfzigjährige Frauen hakten sich unter. Sie hatten als jüdische Kinder die Vernichtung der Berliner Juden überlebt. „Durch ein Wunder“, „durch Zufall“. Sie kehrten an den Ort ihrer Kindheit zurück. Aber welch ein Ort, welch eine Kindheit. Arbeitsplatz ihrer Eltern, letztes institutionelles Bruchstück der untergegangenen, „aufgelösten“ jüdischen Gemeinde. Letztes „Sammellager“ für die Deportationszüge.

Eine Kindheit mit etwas Sonne auf dem Dach des Hauptgebäudes und versteckten Gemüsebeeten hinterm Schwesternheim.

41 ehemalige Mitarbeiter, Überlebende, Emigranten des Jüdischen Krankenhauses waren der Einladung des Berliner Senats gefolgt. Manche nach langem Zögern. Die Rahmenhandlung ihres Erscheinens: das 75jährige Jubiläum dieses Krankenhauses. Zwei Tage zuvor hatte es einen Festakt im Haus der jüdischen Gemeinde gegeben. Der Regierende Bürgermeister Walter Momper hatte gesprochen. Der Vorsitzende der Gemeinde, Heinz Galinski, beschwor in einer großen Rede die 2000jährige Tradition der jüdischen Ärzte bis hin zu jenem Arzt, der ihn selbst in Auschwitz ohne jede Hilfsmittel von einer Lungenentzündung gerettet hatte; Galinski verwies auf die Eröffnung der Ausstellung über die Geschichte des Jüdischen Krankenhauses und sprach von der Hoffnung einer „Wiederbelebung dieser Tradition“.

Bei der Ausstellungseröffnung wurde vor den Fernsehkameras ein langanhaltendes lebendes Bild gruppiert: die Büste des ersten Direktors der Klinik, James Adolf Israel, einer jener aus dem 19. ins 20. Jahrhundert hineinragenden Übervater der Medizin, links der amtierende Direktor Uri Schachtel und rechts der Enkel Israels, Peter Bloch. Die forcierte Szene grenzte an eine historische Fälschung. Immerhin mußte in den siebziger Jahren die Büste von Israel von einem Arzt aus dem Abraum der Renovierungsarbeiten gerettet werden. Mit der Sanierung und Modernisierung wurden damals die Gebäude auch gründlich von ihrer Geschichte bereinigt. Die Stiftertäfelchen, schwarzes Glas mit goldener Schrift, einzigartige Zeugnisse jüdischen Krankenhauswesens, verschwanden mit dem, Bauschutt.

Begleitete man die Gruppe von vierzig Emigranten und Überlebenden durchs Krankenhaus, dann merkte man, wie schwach der Anflug versöhnender Tradition, wie schwach auch der Gedanke von Versöhnung, der doch immer in einer solchen Wiederkehr liegt, tatsächlich war. Es wurden nicht nur die Stationen identifiziert, die Innere, die Gynäkologie, das Schwesternheim, sondern auch die „Polizeistation“, der „Bunker“, die „Transportreklamationsstelle“, die „Massengräber“. Die ausgestreckten Arme mit den Zeigefingern überkreuzten sich. Keine Gestik des Wiedererkennens. Die Zeigefinger glitten ab an den vollgekachelten, hygienisch einwandfreien Fassaden. Gleich am Eingang stoppte die Gruppe und suchte die „Pathologie“. Sprachgebrauch von damals. Die „Pathologie“ war die Gestapo-Stelle, das Sammellager und der Bunker, in die in den letzten Jahren „geflitzte“ Juden gebracht wurden. Es war weniger die Rückkehr zum einstigen Arbeitsplatz, sondern zum Ort der Verfolgung, zum Ort des Verlustes von Freunden, Verwandten, Eltern, die in der „Pathologie“ auf den „Transport gingen“, zum Ort grauenvollster Ängste und Anspannung. „Wir konnten nur von Augenblick zu Augenblick leben, hätten wir weiter gedacht, wär’ es nicht gegangen“, sagt Frau Safirstein. Inzwischen ist aus der „Pathologie“ ein Parkplatz geworden. Erst 1983 wurde das Gebäude niedergerissen. Eine Eingabe des Bundes der Verfolgten des Naziregimes, aus den Räumen eine Gedenkstätte zu machen, wurde verworfen.