Von der Geburt bis etwa zum 35. Lebensjahr bauen wir mehr Knochen auf als ab. Mit fortschreitendem Alter gerät der Knochenaufbau langsam aber stetig gegenüber dem Abbau ins Hintertreffen, so daß ein gesunder Mensch mit 75 Jahren nur noch von zwei Dritteln seiner Knochenmasse aus den "besten Jahren" aufrecht gehalten wird. Bewegungsmangel dürfte die Hauptursache für den altersbedingten Knochenverlust sein. So verlieren auch junge Menschen, die wegen einer Lähmung im Bett liegen müssen, bereits nach acht Monaten zwischen 25 und 45 Prozent ihrer Knochenmasse.

Haben wir in jungen Jahren durch unsere Ernährung nicht genügend Knochenmineralien – vor allem Kalzium – herangeschafft oder mangels ausreichender Bewegung nicht in den Knochen "eingemauert", so bleibt das Skelett schwach, es trägt uns nicht bis zum Tode, denn die altersbedingten Verluste lassen es frühzeitig brüchig werden. Allerdings kann der Aufbaureiz, den der Knochen durch Muskelarbeit erhält, selbst im hohen Alter noch den Knochenschwund bremsen, wie die Altersforscherin Elisabeth Steinhagen-Thiessen an ihren Patienten am Max-Bürger-Krankenhaus in Berlin beobachtete: Bereits eine milde Gymnastik – dreimal zwanzig Minuten pro Woche – hielt den Knochenverlust auf, der bei untätigen Senioren in diesem Alter zwischen zwei und drei Prozent im Jahr beträgt.

Männer erleben häufig das Brüchigwerden ihrer Knochen nicht mehr, da sie früher als Frauen sterben. Frauen werden zusätzlich zur Alters-Osteoporose von der Östrogenmangel-Osteoporose bedroht. Manche Frauen verlieren bereits sehr früh – mit dem Beginn der Wechseljahre – rapid an Knochenmasse. In dieser Zeit, etwa um das 51. Lebensjahr, stellen die Eierstöcke die Hormonproduktion ein. Östrogene schützen offensichtlich vor Knochenabbau. "Bei manchen Frauen in der Menopause beobachten wir, daß die Knochenmasse sechsmal schneller schwindet als bei einer normal alternden Frau mit Alters-Osteoporose", berichtete der Züricher Knochenforscher Maximilian Dambacher von der Orthopädischen Universitätsklinik Balgrist. Betroffen ist bei diesem frühen Knochenschwund vor allem das Stützgerüst der Wirbelkörper – die Spongiosa. Die Wirbel sacken zusammen und es entsteht der sogenannte Witwenbuckel.

Zwar ist bei allen Frauen nach der Menopause die Östrogenproduktion reduziert, doch leidet nur etwa ein Drittel aller Frauen an einer Osteoporose. Den Kalziumbedarf, der mit dem Rückgang der Östrogene stark zunimmt, können sie nicht mehr decken. Die Östrogenmangel-Osteoporose ist somit vor allem eine Kalziummangelkrankheit.

Der lebenslange Einbau von Kalzium in den Knochen hängt außer von der erblichen Veranlagung von verschiedenen Einflüssen ab. So trägt die in den westlichen Industrieländern übliche kochsalzreiche Ernährung mit viel tierischem Eiweiß nicht nur wenig zur Deckung des Kalziumbedarfs bei, sondern bewirkt darüber hinaus einen erhöhten Kalziumverlust durch Ausscheidung. Vielseitige, kalziumreiche Ernährung – mindestens ein Gramm pro Tag (zum Beispiel enthalten in einem Liter Milch oder 100 Gramm Käse) – sowie reichlicher Aufenthalt im Freien für die Vitamin-D-Synthese begünstigen den Kalziumeinbau in den Knochen. Wer aus Gewohnheit oder weil ihm Milch und Käse nicht schmecken, diese Haupt-Kalziumlieferanten unserer Nahrung verschmäht, läuft Gefahr, nur ein schwaches Skelett mit wenig Reserve für den Altersabbau zu entwickeln. Als ausgesprochene Milchmuffel ermittelte der jüngste Ernährungsbericht der Bundesregierung (1988) junge Frauen zwischen 18 und 24 Jahren.

Einseitige Ernährung durch Schlankheitskuren gefährdet ebenso den Knochenaufbau wie eine Diät, bei der Sahne und fetthaltige Käse zwar vom Speisezettel gestrichen, aber nicht durch andere starke Kalziumlieferanten ersetzt werden – wie Spinat, Grünkohl oder Sojabohnen. Abführmittel – gerade von Frauen häufig genommen – schaden bei Langzeiteinnahme nicht nur dem Darm, sondern auch dem Knochen. Auch andere Medikamente wie Kortison und Entwässerungsmittel wirken sich bei längerer Anwendung schädlich aus. Und last but not least gehören Alkohol und Zigaretten zu den potentesten Knochenkillern. So vermag Nikotin das Östrogen in Östradiol umzuwandeln. Dieses Umbauprodukt hat dann keine den Knochen schützende Wirkung mehr. Und Alkohol beeinträchtigt die Aufnahme der wichtigsten Nährstoffe für die Knochen: Kalzium, Vitamin D und Eiweiß. Mit Alkohol werden offensichtlich nicht nur die Leberzellen, sondern auch die Knochenzellen regelrecht vergiftet.

Bisher stehen keine befriedigenden Tests zur Verfügung, die eine sichere Aussage über den Knochenzustand und die Frakturgefahr zulassen. Lebensgewohnheiten und die Vorgeschichte sind wichtige Indizien für eine Osteoporosegefahr. Der stärkste Hinweis auf eine drohende oder bereits vorhandene Osteoporose ist für Frauen ihr Lebensalter. Eine frühe Menopause, das heißt die Monatsblutung bleibt vor dem 51. Lebensjahr weg, ist der Wegweiser zur Osteoporose. Sind Mütter oder Großmütter, Tanten oder Geschwister frühzeitig klein und krumm geworden, so besteht gewiß eine Veranlagung. Führen nun Frauen mit dieser Bürde belastet ein bewegungsarmes Leben – zwischen Autopolster, Schreibtischstuhl und Fernsehsessel –, und haben zudem noch eine kalziumarme Ernährung, dann ist die frühe Form der Osteoporose bereits programmiert.