Ich bin Chai Ling, die Verantwortliche in der Organisationszentrale zur Verteidigung des Tiananmen-Platzes. Ich lebe noch. Ich glaube die Pflicht zu haben, allen Menschen, allen Landsleuten und Bürgern Chinas die Wahrheit über die Zeit vom 2. bis 4. Juni mitzuteilen.

Am 2. Juni gegen 10 Uhr abends gab es den ersten Zwischenfall, als ein Polizeiauto vier unschuldige Menschen überrollte; drei von ihnen kamen ums Leben. Kurz danach warfen Soldaten ihre Gewehre, Uniformen und Geräte aus ihren Militärfahrzeugen hinaus zu den Bürgern und Studenten, die die Konvois blockierten. Wir sammelten sofort alles ein, übergaben es der Polizei und bekamen eine Empfangsbestätigung als Beweis.

Der dritte Zwischenfall ereignete sich am Nachmittag des 3. Juni. Gegen 14 Uhr hatten sich gleichzeitig von Liubukou und Xinhuamen größere Einheiten von Soldaten und Polizisten in Bewegung gesetzt. Einige Kommilitonen riefen den Soldaten und Polizisten durch ein Megaphon zu: „Die Volkspolizei liebt das Volk! Die Volkspolizei schlägt das Volk nicht!“ Ein Soldat stürmte auf einen meiner Kommilitonen zu, versetzte ihm einen Tritt in den Bauch, beschimpfte ihn mit den Worten: „Wer zum Teufel liebt dich!“ und schlug mit einem Stock auf ihn ein. Der Student brach zusammen.

Zwischen 8 und 10 Uhr abends verschärfte sich die Situation. Wir erhielten mindestens zehn Meldungen, daß Menschen erschlagen worden seien. Um 9 Uhr erhoben sich alle Kommilitonen auf dem Platz zu einem Schwur:

„Ich gelobe, mich für den Demokratisierungsprozeß in unserem Vaterland einzusetzen, damit es nicht durch eine kleine Gruppe von Verschwörern zerstört wird. Ich setze mich dafür ein, daß nicht eine Milliarde Menschen unter dem Terror ihr Leben lassen müssen. Ich schwöre, daß ich mit meinem jungen Leben den Tiananmen-Platz und die Republik bis zum Tod verteidigen werde.“

Im östlichen als auch im westlichen Abschnitt der Chang’an-Avenue floß zu diesem Zeitpunkt das Blut schon in Strömen. Die Henker, Soldaten der 27. Armee, benutzten Panzer, Sturmgewehre und Bajonette – Tränengas war zu diesem Zeitpunkt schon überholt. Sie verfolgten alle, die eine Parole gerufen oder nur einen Stein geworfen hatten, und erschossen sie. Die Leichen auf der Chang’an waren blutverschmiert.

Viele Kommilitonen, Arbeiter und Bürger kamen zur Organisationszentrale und forderten, da sich die Lage schon so entwickelt habe, sollten auch wir zu den Waffen greifen. Wir erklärten jedoch, daß wir unsere Forderungen friedlich vortragen wollten und der höchste Einsatz für uns das persönliche Opfer sei. Die Internationale singend, verließen wir, Arm in Arm und Schulter an Schulter, die Zelte. Am Rande des Denkmals für die Volkshelden setzten wir uns nieder, um ruhigen Blicks die Messer der Henker zu erwarten.