Von Walter Laqueur

WASHINGTON. – Lange schien es, als gehöre die Nationalitätenfrage in der Sowjetunion der Vergangenheit an. Weder Marx noch Lenin hatten sich je nennenswert darum gekümmert. Vielmehr waren sie wie viele ihrer Zeitgenossen überzeugt, die ethnischen Unterschiede würden in nicht zu ferner Zukunft als Folge wirtschaftlichen und technischen Fortschritts zwangsläufig verschwinden. Leider hatten sie unrecht.

Von außen gesehen war die Sowjetunion immer ein Beispiel ethnischer Zusammenarbeit und Harmonie. Aber seit Glasnost wissen wir, daß der Nationalitätenkonflikt schon seit langer Zeit unter der Oberfläche schwelte. Dabei geht es weniger um die Frage, ob die Nachfolger Stalins Fehler machten. Der Kreml förderte die einheimische Intelligenzija in den nichtrussischen Republiken, selbst wo dies – etwa in Zentralasien – niedrigere Leistungsstandards zur Folge hatte. Natürlich gab es auch Fehler und Unterdrückung. Aber entscheidend ist, daß es nicht gelang, im sowjetischen Vielvölkerstaat den Zusammenstoß verschiedener Nationalitäten abzufangen.

In der Vergangenheit haben große Reiche häufig durchaus eine fortschrittliche Rolle gespielt. Es ist ja keineswegs zwingend, daß die völlige Unabhängigkeit der verschiedenen Völker der Sowjetunion Frieden und Fortschritt fördern würde. Die meisten von ihnen wären auf sich allein gestellt ohnehin kaum überlebensfähig.

Natürlich wird die Sowjetunion in absehbarer Zeit nicht auseinanderbrechen. Die Kreml-Führung hat nach wie vor genügend Machtmittel zur Verfügung, um Unabhängigkeitsbewegungen unter Kontrolle zu halten. Sie wird nicht zögern, diese Mittel einzusetzen. Zudem lassen sich eine ganze Reihe von möglichen Kompromißformeln denken; jedenfalls solange Moskau vorsichtig und kompromißbereit auftritt und die Minderheiten mit Zurückhaltung und Realismus vorgehen.

Dabei könnte der Kreml manches von den Erfahrungen des alten österreich-ungarischen Reiches lernen. Viele Jahre lang konnte die Wiener Regierung die nationalen Minderheiten erfolgreich einbinden, indem sie diese an der Zentralverwaltung beteiligte und ihnen zugleich kulturelle Autonomie und lokale Selbstverwaltung gewährte.

Ähnliches wäre auch im europäischen Teil der Sowjetunion durchaus denkbar. In Zentralasien jedoch erschwert die demographische Entwicklung derartige Lösungen. Die Geburtenrate ist in Zentralasien sehr viel höher als in Rußland. Schon heute kommt jeder vierte Wehrpflichtige der Roten Armee aus diesem Teil der Sowjetunion. Dor verbinden sich Nationalismus und ein in den Untergrund verbannter Islam zu einer möglicherweise explosiven Mischung.