Soll man nun oder soll man nicht?“ Das ist die Frage, über die sich professionelle Geldanleger derzeit den Kopf zerbrechen. Sie denken nämlich darüber nach, ob jetzt schon der Zeitpunkt gekommen ist, langfristige Anleihen zu kaufen, oder ob sie damit lieber noch warten sollten.

Der Grund: In den Vereinigten Staaten, dem wichtigsten Anlageland, sind die langfristigen Kapitalmarktzinsen kräftig gefallen. Von Mitte März sank beispielsweise die Rendite der dreißigjährigen Staatsanleihen von fast 9,5 Prozent auf heute nur noch etwas über acht Prozent. Nun hoffen deutsche Anlageprofis, daß sich auch die bundesrepublikanischen Zinsen dem amerikanischen Trend anpassen. Sollten sie recht bekommen, könnten all jene, die jetzt langfristige Anleihen kaufen, viel Geld verdienen. Denn am Rentenmarkt gilt die Faustregel: je länger die Laufzeit eines festverzinslichen Wertpapiers, desto stärker fallen die Kursausschläge bei Zinsänderungen aus.

Aber ist es denn nicht absurd, angesichts des kräftigen Konjunkturaufschwungs in den Industrieländern und leicht steigender Inflationsraten an fallende Zinsen zu denken? Müßten nicht die Notenbanken auf absehbare Zeit noch eine restriktivere Geldpolitik betreiben? Einige Konjunkturauguren sind da nicht mehr ganz so sicher, denn sie haben erste Hinweise entdeckt, daß die Inflationsgefahr demnächst abnehmen könnte.

In den Vereinigten Staaten verfolgt die Notenbank seit fast zwei Jahren eine Politik des knappen Geldes. Folge: Das Wachstum der amerikanischen Geldmengen ging stark zurück, es bewegt sich nun am unteren Rand der vorgegebenen Zielgrößen oder sogar darunter. Dieses Bremsmanöver, schreibt etwa die Frankfurter BHF-Bank in ihrem jüngsten Wirtschaftsdienst, habe bereits zu einem langsameren Wirtschaftswachstum und einer steigenden Spartätigkeit geführt. Tatsächlich hat sich die amerikanische Sparquote innerhalb von zwei Jahren von 3,2 Prozent auf sechs Prozent des Bruttosozialproduktes nahezu verdoppelt. Eine Lockerung des Kurses der amerikanischen Notenbank, so die Bankiers, „erscheine durchaus möglich“. Mit anderen Worten: In den Vereinigten Staaten könnten die Zinsen weiter sinken.

Ein weiteres Argument gegen die Inflationsgefahr sehen einige Beobachter im Rückgang der Rohstoffpreise in den vergangenen Monaten. Die bedeutendsten Indizes der Rohstoffpreisentwicklung, Moody’s und Commodity Research Bureau-Index (CRB-Index), kennen derzeit nur eine Richtung: abwärts. Auch das spricht nicht gerade für wachsende Inflationsgefahren. Aber reicht das schon aus, für die nächsten Monate die geldpolitische Wende zu prophezeien?

Wie unsicher die Situation am deutschen Rentenmarkt derzeit noch ist, zeigt auch die Graphik. Die dort abgebildete Renditestrukturkurve für April sieht nicht „normal“ aus: Für kurzfristige Anlagen gibt es fast genauso hohe Zinsen wie für langfristige. Eine „normale“ Renditestrukturkurve steigt von links nach rechts deutlich an – etwa so wie die Renditestrukturkurve für 1987 (siehe Graphik). Denn in der Regel bekommen Anleger für langfristig ausgeliehenes Geld mehr Zinsen als für kurzfristige Papiere. Das höhere Risiko einer langfristigen Anlage wird durch eine Prämie, sprich: höhere Zinsen, ausgeglichen.

Solche flachen oder gar inversen (kurzfristige Zinsen sind höher als langfristige) Renditestrukturkurven gab es am deutschen Kapitalmarkt zuletzt um das Jahr 1973 und von 1979 bis etwa Mitte 1982. Sie waren immer das Ergebnis einer restriktiven Geldpolitik der Bundesbank, deren Instrumente ja in erster Linie auf die kurzfristigen Zinsen am Geldmarkt wirken.