ARD, Samstag, 1., 8. und 15. Juli, jeweils 13.45 Uhr: Dreiteilige Chronik der Tschechoslowakei von Peter M. Dudzik

1918: Kriegsende, Präsident Wilsons „Vierzehn Punkte“ sollen eine neue europäische Friedensordnung stiften. Die ČSSR entsteht, die Tschechoslowakische Republik, ein neuer Nationalstaat aus der Erbmasse der k.u.k. Monarchie – mit vielen Nationalitäten. Das Zusammenleben zwischen Deutschböhmen und Tschechen, Slowaken und Österreich-Schlesiern, das sich über Jahrhunderte zu einer Symbiose entwickelt hatte, wurde durch die Staatsgründung aus dem Gleichgewicht gebracht. Im Versuch der gewaltsamen Tschechisierung der jungen Republik kam zum Ausdruck, wie sehr die neuen Herren mit der Macht überfordert waren, die ihnen in den Schoß gefallen war.

Die Prager Franz-Josefs-Brücke hieß nun Wilson-Brücke – mit solchen bezeichnenden Details illustriert Peter M. Dudzik die Labilität des neuen Staatsgebildes, seine Orientierung am jeweiligen starken Bruder jenseits der Grenzen. An diesen ursprünglichen Souveränitätsmangel sind eine Reihe bitterer, aber auch lehrreicher historischer Erfahrungen geknüpft, die in den drei Folgen der Chronik von 1918 bis zum Gorbatschow-Besuch 1987 nachgezeichnet werden.

Zdenek Mlynář, einer der bedeutendsten Vordenker und Mitgestalter der Reformbewegung von 1968, nimmt zu diesem Besuch Stellung in einer Weise, die den historischen Abstand deutlich werden läßt zu den ersten Schritten der jungen Republik auf der Suche nach der eigenen Identität. Die „religiösen Erlösungshoffnungen“, die sich auch in seinem Land auf den sowjetischen Parteiführer richteten, seien nur die Wiederholung eines alten Fehlers, Erlösung von außen zu erwarten. Die Tschechoslowakei habe ihre eigenen mitteleuropäischen Traditionen und sei nicht auf sowjetische Reformkonzepte angewiesen.

1918 – ihre erste Siegesparade halten die tschechischen Truppen gemeinsam mit den westlichen Waffenbrüdern ab. 1938 winkt Adolf Hitler aus einem Fenster der Prager Burg den jubelnden Massen zu. 1948 prangt ein riesiges Stalinbild am Prager Rathaus. Und die eigenen Führer? Die besseren unter ihnen könnte man als tragische Gestalten bezeichnen: Benesch, der sich erst dem Münchner Abkommen beugen mußte und dann dem Stalinschen Diktat. Dubček, der als gebrochener Mann von den „Verhandlungen“ aus Moskau zurückkehrte, der sein Volk zur Ruhe ermahnte, als die sowjetischen Panzer durch Prag rollten. Prominente Zeitzeugen ziehen in Dudziks Film die bittere Konsequenz: daß die Tschechoslowakei in den entscheidenden Augenblicken eine feige Führung gehabt habe. Daß das Nichtgekämpfthaben 1938 und 1968 zum tschechischen Trauma geworden sei.

Feigheit? Vielleicht nur Unsicherheit über den eigenen Standort zwischen Ost und West, über die Rolle, die diese Republik als Vermittlerin sowohl nach innen als auch nach außen spielen könnte, die Identität als Brücke.

Prag, Stadt der Brücken; die kulturelle Symbiose zwischen Tschechen, Juden und Deutschen, die in 800 Jahren hier gewachsen ist, gibt es nicht mehr – das Prag von Kafka, Rilke, Max Brod. Aber es gibt lebendige, noch inoffizielle Verbindungen nach Polen, in die DDR, in die Bundesrepublik, die wichtig werden könnten, wenn die Völker der Tschechoslowakei wieder einmal die Chance der Selbstbestimmung haben. Martin Ahrends