Bockhorn

Pfiffige Bauern in Friesland entdeckten vor etwa 200 Jahren, daß mit Tonerde mehr Geld zu verdienen war als mit dem Torfstechen. So begann einst die heute in ganz Europa bekannte Bockhorner Ziegelindustrie. Bis Herbst 1988 lebten die Bockhorner glücklich und zufrieden von und mit ihren Klinkersteinen. Doch dann wurden die Steine zu kommunalpolitischen Stolpersteinen.

Es fing alles ganz harmlos an. Die Ratsversammlung diskutierte über die Renovierung des Kriegerehrenmals, und das nahmen einige Bürger zum Anlaß, auf einen – ihrer Meinung nach – unzeitgemäßen Spruch hinzuweisen, der in breiten heraldischen Lettern den etwa acht Meter langen Sims des 1923 errichteten Gemäuers „ziert“. Dort steht: „Ihren Helden die dankbare Gemeinde.“ Offensichtlich galt die Heldenverehrung zuerst nur den Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Im Jahre 1952 hatte die Gemeinde eine Klinkerwand davorgesetzt mit den Namen der 1939 bis 1945 gefallenen und vermißten Soldaten. Damit trifft auch für sie zu: „Ihren Helden die dankbare Gemeinde.“

Seit langem stieß sich eine politische Gruppe an dieser offenbar unbedachten Einbeziehung überkommen geglaubter Verehrungssymbolik. In einem „offenen Brief“ baten die Mitglieder dieser Gruppe den Bürgermeister, darüber nachzudenken. Und damit das nicht so schwerfiel, war der Petition ein Vorschlag beigefügt. Gewünscht wurde, die Gedenkstätte als Mahnmal zu gestalten – ohne die alte Inschrift aus dem Stein zu hacken, sozusagen als Zeitdokument stehenzulassen. Dazu aber forderten sie eine Mahntafel, die allen gerecht werde, die als Opfer des Nationalsozialismus ihr Leben ließen, sei es als Soldaten, Zivilisten, Juden, Sinti, Roma, als politisch Verfolgte und auch als osteuropäische Zwangsarbeiter, die unbeachtet am Rande des Bockhorner Friedhofes begraben liegen.

Die Unterzeichner des „offenen Briefes“ waren nicht zimperlich mit der Begründung ihres Antrags. Zum Aufrütteln gingen sie bis an die Oberkante der dörflichen Intelligenz heran. Zweifel an dem pauschalen Heldentum der etwa 500 Gefallenen der 7800 Menschen zählenden Großgemeinde äußerten sie mit den Worten: „Selbst wenn einzelne der Bockhorner gefallenen Soldaten sich mutig und vorbildlich, z.B. in der Hilfe für andere Menschen eingesetzt haben, so ist das kein Grund, alle zu Helden zu erheben.“ Und weiter: „Sie [die gefallenen Soldaten] haben sich – objektiv gesehen – an einem der größten Verbrechen der bisherigen Menschheitsgeschichte beteiligt. Subjektiv – also jeder für sich – haben sicher viele in gutem Glauben, in politischer Verblendung oder auch mit viel Widerwillen teilgenommen.“

Das war für viele Bockhorner nicht zu verkraften. Den Tod von Anverwandten als sinnlos begreifen zu müssen und dazu die quälende Vermutung, daß gefallene Angehörige an politischen Morden beteiligt gewesen sein könnten – das war unerträglich. Sie empfanden es als eine „Unverschämtheit“, nach so vielen Jahren wieder daran erinnert zu werden.

Wo historische Mitschuld geweckt worden war, schwieg man sich aus, aber bei denen, die für sich die „Gnade der späten Geburt“ in Anspruch nahmen, fanden die Briefschreiber weder Gnade noch Verständnis. Die Inschrift „Ihren Helden die dankbare Gemeinde“ hat einen Streit entfacht, der Helden von Nichthelden trennt. Meldungen, Kommentare und Leserbriefe in den regionalen Medien haben die Diskussion weiter angeheizt. Ende Januar konnte ein NDR-Team erleben, wie in Bockhorn Demokratie praktiziert wird. Vor laufenden Fernsehkameras ging eine Ratssitzung im Tumult unter. Wortmeldungen zum „Ärgernis“ wurden vom Bürgermeister unterdrückt, radikal und diktatorisch, und bis auf eine Gegenstimme machten alle Parteien mit – eine Einheitsfront.