Von Stephan Ruß-Mohl

In dem Glaspalast nahe der Südspitze von Manhattan, 200 Liberty Street, würde man alles andere vermuten, nur nicht einen altehrwürdigen Zeitungsverlag. Doch hier ist die auflagenstärkste Tageszeitung der USA beheimatet: das Wall Street Journal. Das Flaggschiff des amerikanischen Wirtschaftsjournalismus ist bis auf den heutigen Tag die einzige überregionale Qualitätszeitung geblieben, die in den Vereinigten Staaten von Küste zu Küste zu haben ist – im Abo, am Kiosk oder bei einem von Tausenden stummen Verkäufern.

Nun kann das Blatt seinen hundertsten Geburtstag feiern: Am 8. Juli 1889 erschien die erste, vierseitige Ausgabe zum Preis von zwei Cents und in einer Auflage von einigen hundert Exemplaren. Sie bereits enthielt jenen Durchschnittswert, der noch heute den Börsianern das wichtigste Stimmungsbarometer ist: den Dow Jones Index. Benannt ist er nach den Gründungsvätern des Wall Street Journal, Charles H. Dow und Edward D. Jones.

In den zwanziger Jahren erreichte das Blatt eine Auflage von 50 000, die sich jedoch während der Weltwirtschaftskrise beinahe halbierte. Nationale und internationale Bedeutung bekam das Wall Street Journal erst 1941 mit Barney Kilgore: Der legendäre Journalist und spätere Chefredakteur baute die hochspezialisierte Finanzzeitung zu einem Blatt aus, das sich mit nahezu allen Themen befaßt, so sie für die Wirtschaftswelt einen Nachrichtenwert haben.

Auch der wohl bemerkenswerteste journalistische Glückstreffer in der Geschichte des Wall Street Journal hat mit Kilgore zu tun – und mit Amerikas Einstieg in den Zweiten Weltkrieg. Anfang Dezember 1941 hatte Kilgore, zu diesem Zeitpunkt gerade seit ein paar Monaten Chef vom Dienst, entschieden, daß die Redaktion auch sonntags besetzt sein sollte. Bis dahin wurde die Montagsausgabe samstags vorproduziert.

Der 7. Dezember 1941 war der erste Sonntag in der Geschichte des Blattes, an dem die Redaktion Dienst tat. Von drei Uhr nachmittags an liefen dann die Ticker heiß: Japan hatte Pearl Harbor attackiert. Da beim Wall Street Journal alle Mann an Deck waren, konnte das Blatt tags darauf nicht nur in einem Aufmacher über alle sechs Spalten hinweg die Fakten liefern. Es würdigte auch ausgiebig die bereits absehbaren Folgen des Ereignisses für das amerikanische Wirtschaftsleben.

Die Bilanz, mit der man heute aufwarten kann, ist respektabel – nicht nur im Blick auf die Gewinn- und Verlustrechnung. Knapp zwei Millionen Auflage werden erzielt, rund fünf Millionen Leser täglich erreicht. Allein in den USA sind rund 500 Journalisten für das Wall Street Journal tätig. Dreizehn Pulitzerpreise hat die Redaktion seit 1947 eingeheimst.